Nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel wird die Wiedervereinigung deutlich mehr Zeit beanspruchen als ursprünglich erhofft. "Bei manchem, von dem man gedacht hat, dass es sich zwischen Ost und West angleichen würde, sieht man heute, dass es doch eher ein halbes Jahrhundert oder länger dauert", sagte Merkel der Süddeutschen Zeitung. "Nach zehn oder zwanzig Jahren hatte man die Hoffnung, dass es schneller geht. Aber dreißig Jahre haben schon etwas fast Endgültiges", meinte die aus dem Osten stammende 65-Jährige.

Die Kanzlerin warb um Geduld. "Auch die Mühen der Freiheit, alles entscheiden zu müssen, müssen gelernt werden", sagte sie. "Man muss sich viel mehr kümmern, das ist ja auch nicht allen in die Wiege gelegt. Das Leben in der DDR war manchmal auf eine bestimmte Art fast bequem, weil man manche Dinge einfach gar nicht beeinflussen konnte."

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls wird nach Merkels Einschätzung intensiver diskutiert als frühere Jubiläen. "Außerdem wird es jetzt vielleicht auch deshalb intensiver empfunden, weil nationalistische und protektionistische Tendenzen weltweit zugenommen haben, sodass wieder mehr aus dem nationalen Blickwinkel diskutiert wird. Und da richtet sich der Blick dann auch verstärkt auf die Unterschiede, die es zwischen den alten und den neuen Bundesländern gibt", sagte die Bundeskanzlerin.

Merkel wird an diesem Samstag auch an der zentralen Gedenkfeier an der Bernauer Straße in Berlin erwartet. Zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie den Staatspräsidenten der Slowakei, Polens, Tschechiens und Ungarns erinnern sie an die friedliche Revolution und den Fall der Mauer am 9. November 1989. Geplant ist auch ein Besuch des Denkmals Die Kauernde, sich aufrichtend, die die vier osteuropäischen Staaten zu diesem Stichtag gestiftet hatten. Die Kanzlerin soll dann während einer Andacht in der Kapelle der Versöhnung sprechen.

Die Bernauer Straße gilt als Symbol der deutschen Teilung. Als die Mauer 1961 hochgezogen wurde, lag die Häuserfront der Straße im Osten, der Bürgersteig im Westen. Zur heutigen Erinnerungslandschaft unter freiem Himmel gehören original erhaltene Mauerteile.

41 Prozent denken, Unterschiede in Ost- und Westdeutschland überwiegen

Nach einer Studie im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finden 74 Prozent der Menschen, dass das Leben nach dem Mauerfall besser geworden ist – gleichermaßen in Ost und West. Mehr als drei Viertel empfinden die Öffnung der Grenzen als Glücksfall. Aktuell denken aber 41 Prozent, dass die Unterschiede zwischen den Menschen in Ost- und Westdeutschland gegenüber Gemeinsamkeiten überwiegen.

Mit dem Mauerfall ging die deutsche Teilung nach mehr als 28 Jahren zu Ende. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen starben an der knapp 160 Kilometer langen Berliner Mauer mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime. An einer Studie, wonach an der deutsch-deutschen Grenze mindestens 327 Menschen ums Leben kamen, waren zuletzt Zweifel aufgekommen.