Annalena wer? Als Annalena Baerbock vor anderthalb Jahren zur neuen Grünenchefin gewählt wurde, war das wahrscheinlich oft die Reaktion. Die damals 37-Jährige hatte zwar damals schon eine politische Karriere gemacht: Sie war Landesvorsitzende in Brandenburg gewesen, saß seit vier Jahren im Bundestag, galt in ihrer Fraktion als kundige Klimapolitikerin. Bei den Jamaika-Gesprächen hatte sie mit den Spitzen von Union und FDP über das Thema Europa verhandelt. Einer breiteren Öffentlichkeit war sie dennoch kein Begriff.

Dass es ihr nicht an Selbstbewusstsein fehlt, bewies Baerbock allerdings schon mit Ankündigung ihrer Kandidatur für den Parteivorsitz im Dezember 2017. Damals wurde im Berliner Regierungsviertel darauf gewartet, dass Robert Habeck erklären würde, ob er für das Parteiamt bereitstehe. Und Baerbock preschte vor: Es könne nicht darum gehen, nur die Frau an "Mister X' Seite" zu suchen, sagte sie in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung an ihrem Wohnort in Potsdam. Sie jedenfalls wolle Grünenchefin werden.

Doch konnte das gut gehen an der Seite von Robert Habeck, der zuvor schon stellvertretender Ministerpräsident und Umweltminister in Schleswig-Holstein war sowie Beinahespitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017? Und damals schon ein kleiner Medienstar? Dass die beiden ein ebenbürtiges Duo werden würden, schien nicht sicher.

Wenn Baerbock und Habeck sich an diesem Samstag auf dem Grünen-Parteitag in Bielefeld zur Wiederwahl stellen, ist diese Frage obsolet geworden. Beide können mit einem sehr guten Ergebnis rechnen. Gemeinsam sind sie in den vergangenen anderthalb Jahren zu einer Art Dreamteam der deutschen Politik aufgestiegen, werden auch von der politischen Konkurrenz bewundert. Dass die Grünen in den vergangenen Monaten so erfolgreich waren wie nie zuvor in ihrer Parteiengeschichte, bei Wahlen mehrfach Rekordergebnisse einfuhren und in der bundesweiten Sonntagsfrage seit Monaten über 20 Prozent liegen, wird auch den zumeist gut gelaunten Vorsitzenden zugerechnet.

Neue Kultur der Parteiführung

Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Kurz nach ihrem Amtsantritt stellten Baerbock und Habeck die Arbeitsstrukturen in der Parteizentrale um. Beide teilten sich fortan ein Büro und einen Büroleiter. Auch organisatorisch schufen sie so die Basis dafür, dass in der Grünenzentrale nun zusammen und nicht – wie noch unter ihren Vorgängern Cem Özdemir und Simone Peter – eher gegeneinander gearbeitet wird. Mit Habeck und Baerbock sei "eine neue Kultur der Parteiführung und der Streitmoderation bei den Grünen eingezogen", sagt der Göttinger Parteienforscher Michael Lühmann. Die Konflikte zwischen Fundis, also eher links stehenden Grünen, und den Realpolitikern, die vor allem mitregieren wollen, gäbe es nicht mehr, weil die Chefin und der Chef für beide Positionen ein Ohr hätten.

Tatsächlich sind auch die linken Grünen mit dem Realo-Duo Baerbock/Habeck sehr zufrieden: Sozialpolitisch habe sich die Partei so klar positioniert wie schon lange nicht mehr, heißt es von dieser Seite. So hat sich Habeck beispielsweise für die Abschaffung von Hartz IV stark gemacht, auf dem Parteitag steht ein Antrag des Bundesvorstands zur Abstimmung, den Mindestlohn auf zwölf Euro zu erhöhen.

Baerbock und Habeck haben außerdem bewiesen, dass eine Doppelspitze ein strategischer Vorteil für eine Partei sein kann, und zwar gerade dann, wenn beide Vorsitzenden sich als Charaktere eher ergänzen als doppeln. Habeck gilt als der emotionalere von beiden. Er hat einen Hang zu ausschweifenden Grundsatzdebatten und wird selbst im Bierzelt gern philosophisch.

Laut und fröhlich

Baerbock dagegen tritt fröhlich und laut auf, den Kontakt zu ihrem Gegenüber stellt sie gern über persönliche Erlebnisse her. Im Spätsommer zum Beispiel, beim Wahlkampf in Brandenburg, wo der fehlende öffentliche Nahverkehr Thema war. "Ich weiß, wie das ist", sagt Baerbock bei einer Veranstaltung in einem kleinen Ort. Sie sei ja selbst auf dem Dorf aufgewachsen, wenn auch in Niedersachsen. "Mit 18 wollte ich da nur noch weg." Wohlwollendes Gelächter ist ihr sicher.

Doch auch wenn sie zumeist verbindlich und freundlich auftritt: Konfliktscheu ist Baerbock nicht. Als sie bei ihrer Sommerreise 2018 in einer Ölraffinerie in Leuna Station macht, verkünden die örtlichen Unternehmensführer stolz, bis 2035 wolle man den Anteil der erneuerbaren Energien an den Geschäftsaktivitäten auf 20 Prozent steigern. "20 Prozent?", fragt die Klimaexpertin kühl zurück. Das werde für die Erreichung der Pariser Klimaschutzziele kaum reichen. Die Stimmung ist danach ziemlich eisig.

Kennzeichnend für Baerbock ist auch: Egal, ob sie über Kinderarmut oder Klimaschutz redet, stets hat sie sehr viele Fakten parat. Denn auch wenn sie kein Problem damit hat, dass man sie politisch hart angeht: Dass man ihr vorwirft, sich mit Dingen nicht auszukennen, kann sie gar nicht leiden.

Vor allem am Anfang ihrer Zeit als Parteichefin antwortete sie auf Fragen so lange und ausdauernd, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer arg strapazierte, zumal sie auch noch sehr schnell redet. An beidem hat sie gearbeitet. "Ich bin sicherlich fokussierter geworden", sagte sie unlängst der Bild am Sonntag. Doch auch wenn jetzt jedes ihrer Worte auf die Goldwaage gelegt werde: Alle Ecken und Kanten wolle sie sich nicht abschleifen lassen. Sie wolle nicht den Fernseher einschalten und denken: "Oh je, jetzt äußere ich mich schon so, dass ich früher den Fernseher ausgeschaltet hätte."   

Die "junge Frau Baerbock"

Und doch scheint Baerbock ein besseres Gefühl dafür zu haben, was der Hintersinn von mancher Journalistenfrage ist und wann man besser nicht zu offenherzig antwortet. Wenn die beiden Grünenchefs gemeinsam auftreten, kann es schon mal passieren, dass sie Habeck unter dem Tisch einen kurzen Schlag auf den Oberschenkel versetzt, weil er vielleicht gerade ein bisschen zu viel oder zu unvorsichtig redet. Und bei Pressekonferenzen ergreift sie gern auch mal ungefragt das Wort, wenn sie glaubt, dass die Ausführungen des Kollegen noch einer Klarstellung bedürfen.

Mit dem Machismo in der Politik hat sie so ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Bei den Jamaika-Verhandlungen beispielsweise, wenn die Herren von der CDU erstaunt feststellten, dass die "junge Frau Baerbock" Europa verhandelt. "Dabei war ich genauso alt wie Jens Spahn", sagte sie einmal im Interview mit ZEIT ONLINE. Bei dem habe keiner auf seine Jugend hingewiesen. 

Ihr Co-Chef Habeck ist nach wie vor häufiger auf Titelseiten von Magazinen zu sehen, er weckt das größere Medieninteresse. Baerbock, seit sechs Jahren Bundestagsabgeordnete, ist nach innen aber mindestens genauso wichtig: Sie ist die Verbindungsstelle zwischen Partei und Fraktion und hat so auch mehr Einfluss auf die Beschlüsse der Abgeordneten. Außerdem trifft sie im Bundestag ständig auch mit Regierungsmitgliedern und den Spitzenpolitikern der anderen Parteien zusammen. Das verschafft ihr Kontaktmöglichkeiten, die Habeck derzeit nicht in derselben Weise hat, weil er kein Abgeordneter ist.