Heiko Maas ist deutscher Außenminister. Das muss man sich immer wieder mal in Erinnerung rufen. Denn man vergisst es leicht. Sicher, Maas fliegt viel herum, wie es sich für einen deutschen Außenminister gehört. Doch es gibt bisher nur eine einzige Auslandsreise von Maas, die sich in das Gedächtnis eingeprägt hat: die in die Türkei. Da hat sich Maas mit dem türkischen Außenminister auf beschämende Weise gemein gemacht, weil er Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zeigen wollte, wer der Chef der deutschen Außenpolitik sei. Kramp-Karrenbauer hatte sich erlaubt, mit ihrer Idee zu einer Schutzzone fürt Nordsyrien einen außenpolitischen Vorstoß zu unternehmen, ohne Maas zu unterrichten.

Nun hat Maas nach diesem unrühmlichen Kapitel eine neue Chance, sich zu profilieren. Sie kommt über Bande – von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Der hat die Nato ungewöhnlich deutlich angegriffen, als er dem Bündnis bescheinigte, "hirntot" zu sein. Außerdem fordert er eine Annäherung an Russland. Die Analyse ist gewiss nicht ohne Probleme. Um nur zwei zu nennen: Macron neigt zur Überschätzung von Frankreichs Fähigkeiten; und er übergeht die Sicherheitsinteressen der Osteuropäer, wenn er von der Notwendigkeit einer neuen Russlandpolitik spricht. Maas hätte, in gebotener diplomatischer Form, kritisch einhaken können. Eine ausgestreckte Hand gegenüber Russland, das ist wichtig, aber niemals auf Kosten der osteuropäischen Partner.

Das alles hätte Maas sehr deutlich machen können. Und warum nicht eine kluge, leidenschaftliche Verteidigung der Nato?

Nichts davon. Maas hat sich etwas anderes einfallen lassen: Er will eine Expertenkommission einsetzen, die sich über die Reform der Nato Gedanken machen soll. Ein Stuhlkreis für das mächtigste Militärbündnis der Welt, auf dass sie wieder ein wenig Orientierung findet. Nach dem Treffen der Nato-Außenminister in Brüssel sagte Maas in vollendetem Therapeutendeutsch, es gehe jetzt darum, die Debatte in "geordnete Bahnen" zu lenken. Subtext: Der Hitzkopf Macron braucht eine Abkühlung. Was allerdings in den Maas'schen Bahnen geschehen wird, das lässt sich schon vorausahnen: Die Debatte wird dort versanden.

Genau das ist auch der Zweck des Vorschlags. Alles vermeiden, was auch nur im Entferntesten zu Konflikten führen könnte. Hände vor die Augen, dann werden die Gefahren, die Macron klar benannt hat, schon verschwinden – irgendwie, irgendwann. Das wird freilich nicht geschehen, eher schon das Gegenteil.

Was wird der deutsche Außenminister Heiko Maas eigentlich sagen, wenn die Nato dereinst nicht hirntot, sondern tot sein wird? Was wird er sagen, wenn man ihn fragt: Was haben sie eigentlich gegen den Tod der Nato getan?

Nun, er kann sagen: Ich habe eine Expertenkommission gegründet, aber ihre Empfehlungen kamen zu spät.