So labil und notorisch schlecht gelaunt hat man die CDU lange nicht erlebt. Aber wirklich verwunderlich ist das nicht. Seit der Bundestagswahl, die bereits nicht gut lief, hat sie Wahlen in Serie verloren: Niedersachsen, Hessen, Europa, Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Bisweilen brachen die Christdemokraten über zehn Prozentpunkte ein. Auch Führungswechsel an der Partei- und Fraktionsspitze haben nicht geholfen, den Negativtrend aufzuhalten.

Im Vorstand ist bereits von "disruptiven Prozessen" die Rede. Im Klartext: Das Fundament der Volkspartei CDU bröckelt, im Westen verliert sie an die Grünen, im Osten landet sie streckenweise hinter der AfD. Kann man bei 21,7 Prozent in Thüringen, 15,6 in Brandenburg und 27 Prozent im einstigen Stammland Hessen überhaupt noch von Volkspartei sprechen? Annegret Kramp-Karrenbauers erstes Jahr als CDU-Chefin war eins zum Vergessen.

Der "Merkiavellismus" ist zurück

Erfolg diszipliniert und erzeugt Loyalitäten, wo keine sind. Je schlechter jedoch die Ergebnisse, desto mehr wird gestritten und quergeschossen. Und desto mieser ist natürlich das Bild der Partei in der Öffentlichkeit. Ein gefährlicher Abwärtsstrudel, den die SPD nur zu gut kennt und auf den nun auch die CDU präzise zusteuert.

Insofern ist es fast folgerichtig, dass der ewige Zweite, Friedrich Merz, nach der Landtagswahl in Thüringen stänkerte, das Erscheinungsbild der Koalition sei "grottenschlecht". Bundeskanzlerin Angela Merkel warf er "Untätigkeit und mangelnde Führung" vor, die sich wie ein Nebelteppich über das Land gelegt habe – eine Diagnose, die weder ganz neu noch ganz falsch ist und für die der Soziologe Ulrich Beck schon vor sieben Jahren im Spiegel den schönen Begriff "Merkiavellismus" erfand.

Folgerichtig auch, dass es aus manchem Vorstandsmitglied nach den jüngsten Pleiten herausbrach: Man könne die ewigen Beschwichtigungsformeln der Parteiführung nicht mehr ertragen. Tatsächlich waren die meisten Erklärungsversuche von Parteichefin und Generalsekretär zuletzt ziemlich blut- und inhaltsleer.

Dazu kam dann noch die selbstzerstörerische Debatte darüber, ob die CDU in Thüringen mit der Linkspartei regieren oder wenigstens reden soll. Oder doch lieber mit der AfD. Oder mit keinem von beiden? Schonungsloser kann man die eigene Führungs- und Orientierungslosigkeit kaum offenlegen. Erst Generalsekretär Paul Ziemiak war es, der mit maximalem rhetorischen Aufwand beides beendete – Gespräche mit der AfD nannte er beispielsweise "irre" –, ohne allerdings selbst zu sagen, wie denn der Freistaat künftig regiert werden soll.

Angst, vor der SPD einzuknicken

Wenig glamourös auch der Auftritt der CDU beim Thema Grundrente. Aus Angst, vor der SPD einzuknicken, beharrten bis zuletzt die Jungen, Wirtschaftsliberalen und Konservativen in der Partei auf einer harten Bedürftigkeitsprüfung – und moserten dann hinterher am gefundenen Kompromiss herum. Was wiederum natürlich das Verhandlerteam und die Parteichefin schlecht aussehen lässt.

Geradezu unvermeidlich scheinen in dieser Gemengelage die Angriffe aus der Jungen Union: In einer CDU-Vorstandssitzung stellte deren Vorsitzender, Tilman Kuban, die Führungsfrage. Dass noch immer offen ist, wer der oder die nächste Kanzlerkandidatin der CDU wird, schade der Partei. Ein Affront gegen die Parteivorsitzende, die sich dann prompt bemüßigt sah öffentlich zu kontern: Wer die Führungsfrage stellen wolle, habe dazu auf dem Parteitag Ende November in Leipzig die Gelegenheit. Traut euch doch, ruft Annegret Kramp-Karrenbauer den Besserwissern in den eigenen Reihen zu.

Parteitage können gerade in schweren Zeiten eine große Therapiesitzung sein, wo die Partei wieder Kraft und Inhalt tanken kann. Oder schwere Debatten ausfechten muss. Das kann der CDU passieren, wenn sie sich ab Freitagmorgen in Leipzig trifft.