Und dann ist er mal weg. Tapfer hat Olaf Scholz ertragen, wie Malu Dreyer, die Übergangschefin der SPD, das Ergebnis der Mitgliederbefragung und damit das Ende all seiner politischen Träume verkündet hat. Pflichtbewusst hat er dem Siegerpaar seine Glückwünsche ausgesprochen und versichert, sie künftig zu unterstützen. Wissend, was sich gehört, hat er dann die Bühne im Willy-Brandt-Haus für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans geräumt, sich an den Rand gestellt und so lange hinter einer Grinsemaske versteckt, bis Malu Dreyer beendet hat, was ihm wie ein Spuk vorkommen muss. Und dann ist er verschwunden. Keine Nachfragen, keine Interviews, kein Wort mehr. Nur noch weg hier. Es ist vorbei.

Die politische Welt des Olaf Scholz ist an diesem Samstagabend, um 18:07 Uhr, zusammengebrochen. Schon seit Jahren war sein Ziel das Kanzleramt. Der 61-Jährige ist unbescheiden und selbstbewusst genug, sich für den besten Kandidaten zu halten, den man in der SPD für den wichtigsten Posten in der deutschen Politik finden kann. Selbst mit Umfragewerten bei 14 oder 15 Prozent glaubte er fest daran, sein Ziel bei der Bundestagswahl 2021 erreichen zu können.

Die Scholz'sche Analyse lautete lange wie folgt: Beide Volksparteien – auch die Union – haben nicht mehr die Bindekraft, um bei Bundestagswahlen Ergebnisse von 30 Prozent plus zu erreichen. Ergo: Einen Kanzler kann eine Partei auch stellen, wenn sie lediglich 23 oder 24 Prozent erhält. Angela Merkel, so geht diese Analyse weiter, kümmert sich nicht mehr um die Niederungen der Innenpolitik, wird sich in den letzten Jahren ihrer Kanzlerschaft mit ihren Regierungschef-Freunden in aller Welt treffen und sich mit der Zukunft des Westens, der Rolle Chinas und den Nöten der EU beschäftigen – aber garantiert nicht mehr mit der Kindergrundsicherung, der Grundrente oder einem Andi Scheuer.

Seine Partei will ihm beim Abstürzen noch ein bisschen zusehen

In diese Lücke, so die Analyse von Scholz und seinen Spindoktoren mit Blick auf den Mitgliederentscheid zum Parteivorsitz, stößt dann der Vizekanzler hinein, der Finanzminister und – die Umstände wollten es so – neue Chef der SPD. Und während sich eine beim Volk unbeliebte Annegret Kramp-Karrenbauer, ein ewig nörgelnder, aus der Zeit gefallener Friedrich Merz und ein unter latentem Weichei-Verdacht stehender Armin Laschet darum streiten, wer für die Union bei der nächsten Wahl antreten darf, verkörpert er, Scholz, Stabilität, Verlässlichkeit, Sicherheit. Am Ende werden sich die Menschen im rot-grünen Mitte-Milieu schon fragen, so die Annahme, wem sie in unsicherer Zeit Vertrauen schenken: einem Vizekanzler, der zugleich auch Finanzminister ist, als Erster Bürgermeister Hamburg regiert hat und weltweit vernetzt ist – oder einem Philosophen wie Robert Habeck.

Nein, die Antwort von Scholz lautete Scholz. Die Antwort seiner Partei lautet aber Nowabo/Esken. Ihren derzeit bei den Wählern mit Abstand beliebtesten Politiker haben die Sozialdemokraten damit mal so eben über die Klippe geschubst. Und sie wollen ihm beim Abstürzen noch ein bisschen zusehen.

Scholz müsse nun Finanzminister und Vizekanzler bleiben, so lautete der allgemeine Sound am Abend seiner größten Niederlage. Schließlich habe er ja ein Loyalitätsversprechen gegenüber der neuen Führung abgegeben. Und tatsächlich, SPD-Kreisen zufolge will Olaf Scholz sein Ministeramt erst mal behalten.

SPD-Vorsitz - Groko-Kritiker an der Spitze Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben den Entscheid mit 53 Prozent der Stimmen gewonnen. Sie wollen den Koalitionsvertrag nachverhandeln. © Foto: Thomas Imo, Thomas Trutschel/​Photothek/​Getty Images

Ob er bleibt oder geht, spielt für die Geschlossenheit der SPD zwar eine Rolle, nicht aber für die Zukunft der Groko. Unter der SPD-Spitze Esken/Walter-Borjans läuft alles auf ein Ende der großen Koalition hinaus. Scholz ist schon Geschichte. Eine Zukunft in der SPD hat er nicht mehr, zumindest keine an der Spitze. Statt ins Kanzleramt geht es jetzt – womöglich – ganz raus aus der Politik. Spätestens, wenn die Koalition fertig hat – und das dürfte nicht mehr allzu lange dauern.

Beim Parteitag der Sozialdemokraten am kommenden Wochenende wird, nach allem, was man hört, noch keine endgültige Entscheidung fallen. Die dann frisch gewählten Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ("Nowabo") werden dort eine Reihe von Bedingungen nennen, an die sie eine weitere Zusammenarbeit mit CDU und CSU knüpfen: 12 Euro Mindestlohn, die Einführung einer Vermögensteuer, deutliche Nachbesserungen beim Klimapaket, das Ende der schwarzen Null dürften auf ihrem Sprechzettel stehen. Dass eine Union, die gerade um ihr konservatives Profil ringt, dem zustimmen wird, ist so wahrscheinlich wie die Chance, aus dem Buchstabenwirrwarr Nowabo und AKK etwas Sinnvolles zu formen.