Angela Merkel hört jetzt ganz genau zu. Oben auf der Ehrentribüne des CDU-Parteitags hat die Kanzlerin den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Das Handy hat sie weggelegt, der Blick ruht konzentriert auf ihrer Nachfolgerin, die allein auf der großen weißen Bühne steht.

Bald schon merkt man: Merkel ist zufrieden mit dem, was sie hört. In ihrem Gesicht deutet sich das ein oder andere Lächeln an. Nicht selten gehört die Kanzlerin zu den ersten Klatschenden in der Leipziger Messehalle, in der der Parteitag der CDU an diesem Freitag stattfindet.

Das ist nicht selbstverständlich. Schließlich grenzt sich Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Grundsatzrede von Merkel ab. Die Ansprache der CDU-Chefin ist eine Gratwanderung, die ihr zumindest in einigen Passagen eindrucksvoll gelingt. Kramp-Karrenbauer entwirft ein Zukunftsszenario. Sie sagt, was sie an der deutschen Politik stört, und zeigt auf, was sie gern alles ändern würde.

Ein Zukunftsentwurf, der nicht neu ist

Das mag für eine Partei, die seit 14 Jahren die Kanzlerin stellt, etwas merkwürdig klingen. Aber bei Kramp-Karrenbauer klingt es nicht wie eine Generalabrechnung mit Merkels Politik, so wie es vielleicht bei ihrem Rivalen Friedrich Merz rübergekommen wäre. Nein, Kramp-Karrenbauer verknüpft ihre Abgrenzung mit Dank an Merkel. Sie verteidigt Merkel und die Arbeit der Bundesregierung gegen die "Mäkler und Kritiker", um kurz darauf ihre eigene Vision von der Zukunft zu entwerfen, die durch Nichtstun – so formuliert es Kramp-Karrenbauer – doch bedroht sei.

Es geht also um Merkels Erbe und um das, was man daraus macht. Kramp-Karrenbauer formuliert beides positiv: Das, was war, und das, was unter ihrer Führung aus der CDU noch werden könnte. Man dürfe den Bürgern nicht ständig sagen, es sei alles schlecht, was die Regierung mache, sagt sie.

Damit dürften die Kritiker aus der konservativen Werte-Union in der CDU ebenso gemeint sein wie die dauerenttäuschten Wirtschaftspolitiker oder die rebellischen Vertreter der Jungen Union. All diese Kritiker sitzen in der Leipziger Messehalle und hören Kramp-Karrenbauer zu. Aber als die CDU-Chefin sich gegen ebendiese Schlechtmacher ausspricht, erntet sie im Publikum Unterstützung und laute "Bravo"-Rufe.  

Kramp-Karrenbauers Zukunftsentwurf ist nicht spektakulär neu. Wer ihre Reden und Interviews kennt, weiß um die meisten Punkte. Aber die CDU-Chefin trägt ihre Programmatik schwungvoll und eng getaktet vor. Sie will, um nur einige Punkte zu nennen, dass Deutschland Pisa-Sieger wird und Meister in der Quantentechnik. Sie fordert ein Integrationsministerium auf Bundesebene, "Glasfaser und 5G überall" und ganz viel Bürokratieabbau. "Wir müssen wieder Zukunftswerkstatt sein", ruft sie. Deutschland müsse die Militärausgaben erhöhen und künftig international mehr Verantwortung übernehmen.