Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans wollen den Verbleib der SPD in der großen Koalition von Milliardeninvestitionen in Infrastruktur und Klimaschutz, einem Mindestlohn von zwölf Euro und der Ausweitung von Tariflöhnen abhängig machen. Das kündigte das Bewerberduo für den SPD-Parteivorsitz im Gespräch mit der Bild am Sonntag an. "Wir brauchen ein Update des Koalitionsvertrages", sagte Esken im dem Interview.

Walter-Borjans sagte, er wolle dem SPD-Parteitag zum Ausstieg aus der Koalition raten, sollte die Union nicht zu Nachbesserungen bereit sein: "Wenn der Preis für die Fortsetzung der großen Koalition ist, dringende Investitionen auf die lange Bank zu schieben und Aufgaben wie den Klimaschutz und unsere Verpflichtungen im Pariser Klimaabkommen zu vernachlässigen, dann sollten wir diesen Preis nicht bezahlen", sagte er. Esken ergänzte, man werde in diesem Fall "den geordneten Rückzug vorschlagen".

Kandidatenduo für Rot-Rot-Grün

Das Bewerberpaar strebt demnach für die nächste Bundestagswahl 2021 ein rot-rot-grünes Bündnis an. "Die SPD kann über 30 Prozent erreichen", sagt Esken. Sie sehe "große Chancen für eine linke Mehrheit". Die Führungsrolle müsse bei der SPD liegen, weil Grüne und Linke trotz vieler Übereinstimmungen Defizite hätten. "Die einen achten zu wenig auf die soziale Ausgewogenheit, die anderen auf die Bedeutung einer starken Wirtschaft", sagte der frühere NRW-Finanzminister.

Sollte Esken gemeinsam mit Walter-Borjans an die SPD Spitze gewählt werden, will sie sich vorrangig um soziale Gerechtigkeit kümmern – das sei es, wofür die Partei stehe. Unter anderem müssten die Steuern für Topverdiener erhöht werden.

Ihrem Konkurrenten Olaf Scholz warfen sie vor, mit seinem politischen Stil die SPD zu schwächen. "Olaf Scholz gibt sich mit den Groko-Kompromissen zu schnell zufrieden. Er geht in Verhandlungen nur mit Positionen, die er auch durchsetzen kann. Damit nimmt er doch schon den Kompromiss vorweg und schwächt die SPD", sagte Esken. Auch Walter-Borjans kritisierte die Verhandlungsstrategie seiner Partei in der Regierung. Die SPD mache viel zu oft den Kompromiss zur Verhandlungsbasis und behaupte nach weiteren Abstrichen, das Ergebnis sei 100 Prozent SPD. 

Als Beispiele für mangelnde Durchsetzungsstärke nannte Esken das Klimapaket und die Grundrente, die Scholz "unbedingt als großen Erfolg feiern" wolle. Aus ihrer Sicht fange die Grundrente lediglich diejenigen auf, die im von der SPD geschaffenen Niedriglohnsektor arbeiteten, in dem die Beschäftigten keine ausreichende Rente erwirtschaften könnten. Das Klimapaket sei weder ausreichend noch sozial gerecht. "Uns unterscheidet die Grundhaltung", sagte Esken. Sie warf auch Geywitz mangelnde Haltung vor. Geywitz wolle, dass die SPD im Wahlkampf nichts fordere, was sie nicht halten könne. "Das ist der Scholz-Ansatz: von vorneherein die Bedenken möglicher Koalitionspartner berücksichtigen. Aber dann versteht keiner mehr, wofür die Sozialdemokratie steht."

Trotz der Kritik an ihren Konkurrenten betonten Esken und Walter-Borjans, dass sie im Fall ihrer Niederlage Scholz und Geywitz als SPD-Vorsitzende unterstützen würden. "Das haben wir uns gegenseitig fest versprochen", sagte Esken.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnt seine Genossen vor dem Kandidatenduo. Insbesondere Esken habe Dinge von sich gegeben, "bei denen sich mir die Nackenhaare sträuben", sagte er der Welt am Sonntag. Ihre "pauschale Abwertung von vielem, wofür die SPD in den letzten Jahren gekämpft" habe, sei ihm "völlig fremd". So sei die Einführung des Mindestlohns ein wichtiger Schritt gewesen. "Man darf gerne mal zuspitzen, aber plumpe Schwarz-weiß-Betrachtungen hielte ich nicht für förderlich an der SPD-Spitze."

Bis Freitag können die rund 425.000 Parteimitglieder ihre Stimme in der Stichwahl um den Vorsitz für eines der beiden Duos abgeben. Das Siegerpaar wird am 30. November bekanntgegeben und muss eine Woche später von einem Parteitag bestätigt werden. Dabei sollen die Delegierten dem Votum der Mitglieder folgen, vorschreiben kann man es ihnen jedoch nicht.