Die SPD steht vor einer Richtungsentscheidung, die charakteristisch für die Partei ist. Am Samstag entscheidet sich, wer die Sozialdemokraten künftig führt – und die beiden Kandidatenteams, die zur Wahl stehen, repräsentieren fast schon prototypisch zwei konträre Haltungen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der fast 160-jährigen Partei ziehen.    

Auf der einen Seite steht das Duo Scholz/Geywitz. Sie wollen die große Koalition fortführen und verteidigen die bisherige Arbeit der Regierung. Ihre Rivalen, Walter-Borjans und Esken, wollen das Gegenteil: eine konsequente Abkehr von der bisherigen Programmatik und ein Ende der freudlosen Kompromisshuberei mit der Union.

Von den "zwei Seelen der Sozialdemokratie" spricht der Göttinger Parteienforscher Franz Walter in seinem Standardwerk zur SPD-Geschichte. Schon im Kaiserreich, schon in Weimar, schon in den Adenauer-Jahren: Immer gab es einen Flügel in der Partei, der den "radikalen Bruch" mit dem bestehenden System forderte, der von der klassenlosen oder zumindest gerechten Gesellschaft träumte – und nicht bereit war, sich diese Visionen durch konsensorientiertes Regierungshandeln verwässern zu lassen. 

Und es gab schon immer die Pragmatiker und Realisten, die sich zu Verantwortung und Pflichtgefühl bekannten. Sie wollen lieber mit mühsamen Reformen auf die großen Parteiziele hinwirken, als ohnmächtig in der Opposition versauern. Diese widerstreitenden Prinzipien führten oft zu innerparteilichem Streit, ja sogar zu Abspaltungen. Aber sie bescherten der Partei auch eine permanente Dynamik und Diskursbereitschaft, die zur Langlebigkeit der SPD beigetragen hat. Mehr politische Systeme hat keine Partei in Deutschland überlebt.    

Ist Opposition "Mist"?

Außerdem brachte dieser Wettstreit der beiden "Seelen" in schöner Regelmäßigkeit zwei unterschiedliche Parteiführer-Typen hervor. Nämlich eben, um es plastisch, wenn auch ein wenig holzschnittartig zu formulieren: die Pragmatiker und die Visionäre.

Ein Prototyp der Pragmatiker aus der jüngeren Vergangenheit ist Franz Müntefering. Er prägte den paradigmatischen Satz dieser Strömung: "Opposition ist Mist." Nur in der Regierung könne man für die eigene Klientel etwas erwirken. Sich rausziehen und dandyhaft von der Seitenlinie kommentieren, das widerspricht dem Politikverständnis dieser Kohorte.

Scholz wäre ein Ober-Realo

Auch die beiden früheren SPD-Kanzler, Gerhard Schröder und Helmut Schmidt, lassen sich diesem Realo-Lager zuordnen. Das Problem bei diesen Führungspersönlichkeiten war aber stets, dass sie an der Parteibasis alles andere als beliebt waren. Die Pragmatiker würden in ihrer Orientierung an Mitte und Mehrheit die Ideale der Partei verraten, so lautet die regelmäßige Klage. Kein Zufall, dass Schmidt nie Parteichef war. Und dass Schröder bis heute keinen Ehrenplatz in der Parteigeschichte hat.  

Auch Olaf Scholz wäre so ein Parteichef, ein Ober-Realo. Kein Wunder also, dass ihm die Herzen der Basis alles andere als zufliegen. Von seinem nüchternen Pragmatismus fühlen sich viele Genossen regelrecht provoziert. Sollten er und Klara Geywitz dennoch gewählt werden, wäre das eine Kopf-, keine Bauchentscheidung.