Mehr Idealismus für die SPD, endlich raus aus der "neoliberalen Pampa" und der großen Koalition? Oder pragmatisch bleiben, durchhalten und realpolitische Ziele vertreten? Mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sowie Klara Geywitz und Olaf Scholz bewerben sich zwei Paare um den SPD-Vorsitz, die unterschiedlicher kaum argumentieren könnten. Am Samstagabend wird feststehen, wer die beiden neuen Parteivorsitzenden der SPD sind.

Wer in der SPD vertritt welche Seite und mit welchem Motiv? Und was denken Union und Linkspartei sowie die anderen Parteien eigentlich über die Kandidatenpaare?

Der Ton in der SPD ist rau

Das Partei-Establishment hat sich klar für Olaf Scholz und Klara Geywitz ausgesprochen. Der Vizekanzler ist überhaupt nur angetreten, damit die Regierungs-SPD an der Parteispitze einen mächtigen Fürsprecher behält. Denn im Sommer fürchteten die Ministerinnen und Minister und auch mächtige Abgeordnete in der Fraktion, dass der aufwendige und basisdemokratische Prozess Persönlichkeiten auf den SPD-Vorsitz spült, denen die nötige Führungserfahrung und der nötige Pragmatismus fehle.

Am Wochenende regte sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil in einem Interview über "plumpe Schwarz-Weiß-Betrachtungen" der linken Herausforderin Saskia Esken auf. Wie sie die SPD und das bisher Erreichte schlecht machte, da stünden ihm die "Nackenhaare" zu Berge. Weil ist in der Partei beliebt und mächtig – im Sommer hatte er selbst wochenlang überlegt, sich als SPD-Vorsitzender zu bewerben. Dass er sich genötigt sieht, öffentlich einzugreifen, zeigt aber auch, wie groß die Nervosität im Lager von Olaf Scholz und Klara Geywitz ist, am Ende gegen die allgemeine Unzufriedenheit in der Partei zu verlieren.

Ähnlich wie Weil denken wohl auch die meisten Bundestagsabgeordneten, die bei einer möglichen Neuwahl um ihren Job fürchten müssten: Bestimmt "90 Prozent der Fraktion" würden den Vizekanzler unterstützen, sagt eine Abgeordnete, die selbst zum anderen Lager gehört. Auch Genossen, die bislang keinesfalls als glühende Fans von Olaf Scholz galten, werben nun für ihn und seine Partnerin Geywitz. Ein prominenter Protagonist dieser Gruppe ist der frühere Parteichef Martin Schulz, der Anfang 2018 unter anderem von Scholz gestürzt worden war. Trotz aller Vorbehalte sei es jetzt an der Zeit, für Scholz zu kämpfen und sich zu ihm zu bekennen, sagte Schulz im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Mit Scholz' Gegnern würde ein gefährlicher Dilettantismus in die SPD einziehen, sie würde sich durch ein vorzeitiges Aus der großen Koalition selbst verzwergen und bei einer Neuwahl in die Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Das SPD-Establishment verweist gern auf das Gruselbeispiel Frankreich. Dort spielt die Parti socialiste keine Rolle mehr, und zwar, seit ihre Mitglieder 2017 den Linken Benoît Hamon zum Präsidentschaftskandidaten wählten. Und sich damit gegen den smarten, wirtschaftsliberalen und weit über das Lager der Sozialisten hinaus anerkannten Manuel Valls entschieden. Bei der letzten Parlamentswahl erreichten die einst so stolzen Sozialisten unter Hamon nur 7 Prozent.

Doch auch Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben mächtige Fürsprecher. Sie sind das Ventil der Unzufriedenen und Scholz-Hasser in der SPD. Für seine Kritiker verkörpert der Vizekanzler all das, was die SPD in die Krise befördert hat: der Agenda-Kurs, Machtpolitik statt Verständnis für die Probleme der normalen Menschen sowie den ewigen Formelkompromiss. Hinter Walter-Borjans und Esken stehen die Jusos, die in der SPD über einige Mobilisierungskraft verfügen und Teile des wichtigen Landesverbandes NRW. Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer, selbst Grünenmitglied, und mehrere Umweltverbände warben für Esken und Walter-Borjans, weil diese für eine "deutlich ehrgeizigere Klimapolitik als bisher einstehen wollen".

Heimliche Scholz-Fans in der Union

Die Union hütet sich, öffentlich allzu deutlich Partei zu ergreifen für eines der beiden Kandidatenpärchen – auch aus der Angst, eine Unterstützung könnte bei der SPD-Basis einen gegenteiligen Effekt auslösen. Wobei es natürlich immer diejenigen gibt, die es mit der Parteiräson nicht so eng sehen: "Liebe Genossen, ich empfehle Euch für die Wahl zu Eurem SPD-Vorsitzenden den Bundesfinanzminister Olaf Scholz", twitterte Hans-Georg Maaßen, der gefeuerte Ex-Verfassungsschützer, der jetzt mit seiner rechten Splittergruppe von der Werteunion Politik macht.

So deutlich wird an der Spitze von CDU und CSU sonst niemand. Man kann es als vorsichtiges Votum für Olaf Scholz und Klara Geywitz verstehen, wenn an Stabilität und Verlässlichkeit appelliert wird. Mit dem Vizekanzler als Parteichef würde die Koalition wohl auch noch die nächsten zwei Jahre halten. Und das wollen die allermeisten in CDU und CSU.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans rufen zwar auch nicht lauthals: Raus aus der Groko. Doch beide wollen den Koalitionsvertrag gern noch mal nachverhandeln – vielleicht in der Hoffnung, damit die Koalition zu kippen. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dazu schon mal vorsorglich in einem Interview: Kommt ja gar nicht in die Tüte. Erneute nächtelange Verhandlungen würden den letzten Rest an Glaubwürdigkeit kosten, heißt es aus dem Adenauer-Haus. Die bayerische Schwesterpartei CSU ist hingegen eher pragmatisch kühl: Warum nicht zur Halbzeit der Koalition noch mal ein bisschen brainstormen und ein paar neue Projekte anschieben? Bedeutet wohl so viel wie: Die SPD braucht sich gar nicht erst die Hoffnung zu machen, dass die Union von sich aus aus der Koalition aussteigt. Das muss sie schon selbst erledigen.

Die Grünen könnten mit allen

Aus der Führungsspitze der Grünen heißt es: Für uns macht es keinen großen Unterschied, welches Team sich durchsetzt. Entscheidender sei eine gemeinsame Machtoption nach der nächsten Bundestagswahl. Für eine Regierung mit SPD und Linken bräuchte man erst mal eine stabile Mehrheit.

Egal, wer die beiden neuen SPD-Vorsitzenden werden, an die hohen Popularitätswerte von Robert Habeck oder Annalena Baerbock werden sie so schnell nicht heranreichen. Walter-Borjans und Esken wären deutlich älter als die Grünenchefs. Das Team Geywitz/Scholz wiederum steht nicht für Aufbruch, sondern für Kontinuität, beide sind zudem im öffentlichen Auftritt eher spröde. Inhaltlich könnten die Grünen sicher mit beiden, da beide Seiten mittlerweile linke Forderungen stellen – wie etwa einen Mindestlohn von 12 Euro oder die Regulierung von Finanzmärkten.

Realo-Grüne neigen vermutlich eher zu Olaf Scholz, weil sie diesem eher zutrauen, seine Partei im Griff zu haben und in einem potenziellen Regierungsbündnis für Stabilität zu sorgen. Linke Grüne erwärmen sich eher für Walter-Borjans/Esken.

Die Linke sieht Olaf Scholz skeptisch

Fraktionschef Dietmar Bartsch will offiziell keine Präferenz für eines der Bewerberteams nennen. Das gehöre sich nicht. Intern gibt es zwei Lesarten: Inhaltlich stünden der Linkspartei Walter-Borjans und Esken näher. Mit diesen beiden nach einer Neuwahl ein mögliches Bündnis auszuhandeln könnte einfacher sein als mit Olaf Scholz an der Spitze. Als einer der Mitbegründer der Agenda-Politik trifft Scholz im Linke-Milieu auf viel Misstrauen.

Andererseits wäre es für die Linken auch ein Problem, wenn die SPD zu sehr nach links rücken würde und Linke und SPD deswegen weniger unterscheidbar würden. Am Ende würde das linke Lager dadurch insgesamt lediglich in etwa gleich stark bleiben – allerdings auf Kosten der Linken.

Es gibt auch solche, die hoffen, dass der Sieg eines linken SPD-Duos in der Gesellschaft insgesamt die Zustimmung zu linken Politikansätzen begünstigen wird. Und dass beide Parteien gleichzeitig stärker würden, wenn sie gemeinsam eine glaubwürdige Regierungsalternative zur großen Koalition anbieten könnten. Eine Wiedervereinigung beider Parteien – wie sie unlängst Oskar Lafontaine ins Spiel brachte – wäre aber wohl auch im Falle eines Wahlsiegs von Walter-Borjans/Eseken unwahrscheinlich. Dafür sei der Linksruck, der von den beiden ausgehen würde, viel zu gering, glaubt man bei den Linken.

Die FDP erinnert an Walter-Borjans Schuldenbilanz

Die Liberalen interessieren sich vor allem dafür, ob die Regierung hält oder sie sich auf neue Sondierungsgespräche oder gar eine Neuwahl einstellen müssen. Und momentan gehen sie eher davon aus, dass das Duo Scholz/Geywitz gewinnt. Die linken Herausforderer hätten nicht wirklich eine Aufbruchstimmung erzeugt, so die Einschätzung im Hintergrund. Was eine mögliche Zusammenarbeit betrifft, so könnte die Lindner-FDP sicher mehr mit Olaf Scholz und Klara Geywitz anfangen. Auch Geywitz betonte zuletzt, die SPD müsse zur Überwindung der großen Koalition auch eine Ampelkoalition in Betracht ziehen.

Das Team Walter-Borjans und Saskia Esken wird bei der FDP naturgemäß kritischer gesehen. Parteichef Christian Lindner stammt aus Nordrhein-Westfalen, wo er unter Walter-Borjans Regierungszeit bis 2017 Oppositionsführer war. Entsprechend erinnert man bei den Liberalen an die Verschuldungsbilanz des ehemaligen NRW-Finanzministers. Der Landesverfassungsgerichtshof kippte sogar den Haushalt von 2011. Sowieso ist die Politik von Esken und Walter Borjans das Gegenteil der Überzeugung der Liberalen. Sie wollen Vermögen umverteilen und keifen gegen den Neoliberalismus. Sollte die SPD weiter nach links rücken, könnte sich die FDP vielleicht auch Hoffnung auf den ein oder anderen Wähler machen: Bei der Landtagswahl 2017 gewannen die Liberalen am meisten durch frühere SPD-Wähler hinzu.

Die AfD gibt sich gleichgültig

Nach den Grünen ist die SPD der zweitärgste Gegner der AfD. "Es ist mir gleichgültig, mit welchem Vorsitzendenduo die SPD ihren Niedergang fortsetzt", sagt Parteichef Jörg Meuthen ZEIT ONLINE. "Mit dem einen geht es vielleicht etwas schneller als mit dem anderen." Die Richtung noch einmal drehen werde keines der beiden Kandidatenteams. Alice Weidel, Vorstandsmitglied und Chefin der Bundestagsfraktion, sagt, die SPD-Mitglieder täten ihr leid: "Solche Kandidaten wünsche ich wirklich meinem ärgsten politischen Gegner nicht."