Der Mann, der die CDU in Thüringen angeblich führt, sieht erschöpft aus und, ja, das ist das passende Wort: abgekämpft. Mike Mohring hat in diesem Jahr eine Krebserkrankung durchlitten, einen harten, mehrmonatigen Wahlkampf durchkämpft und dann bei der Landtagswahl am 27. Oktober erleben müssen, wie seine CDU um fast 12 Prozentpunkte auf 21,8 Prozent abstürzte. Die Partei, die Thüringen nahezu ein Vierteljahrhundert regierte, liegt im neuen Parlament hinter der gestärkten Linken unter Ministerpräsident Bodo Ramelow – und auch hinter der AfD unter Björn Höcke, die ihr Ergebnis mehr als verdoppelte.

Nun bekommt Mohring auch persönlich die Konsequenzen dieses Ergebnisses zu spüren. Bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden am Mittwochnachmittag wurde Mohring nur von 14 der verbliebenen 21 CDU-Abgeordneten unterstützt. Sieben stimmten in der geheimen Abstimmung gegen ihn.

Danach steht Mohring vor dem Fraktionssaal, im Licht der Kameras, und versucht sich an einem Lächeln. Er sagt, was man eben sagt, wenn man seit fast 30 Jahren Politik macht: Es sei ein "ehrliches Ergebnis" und angesichts der Wahlniederlage auch irgendwie "plausibel".

Was der Landes- und Fraktionsvorsitzende nicht ausspricht und was er natürlich völlig anders betrachtet haben möchte: Das partielle Misstrauensvotum ist auch deshalb plausibel, weil er seine geschundene Landespartei seit dem Wahlabend in die Selbstzerstörung manövriert. Am Tag nach der Wahl redete er von einer möglichen Zusammenarbeit mit der Linken, wobei er ausdrücklich nichts ausschließen wollte – nur um dann, als es ersten Widerstand gab, alles auszuschließen. Und wiederum zwei Tage später sprach er davon, dass er ja eine "Koalition der Mitte" mit Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen bilden könne.

Keine Distanzierung von der AfD

Vor allem aber ließ er zu, dass Michael Heym, einer seiner Stellvertreter in der Fraktion, mehrfach öffentlich dazu aufrief, mit der AfD über eine Regierung zu reden. Mehr noch: Mohring distanzierte sich nicht einmal davon. In dürren Zitaten, die seine Pressestelle auf mehrfache Nachfrage freigab, bezeichnete er Heyms Auslassungen als "Einzelmeinung", für die in einer solch schwierigen Situation wie der, in der seine Partei sich befinde, nun mal Platz sein müsse. Das ermutigte ganz offenbar einige in seiner Partei: In einem offenen Brief unterstützten 17 Funktionäre und Mandatsträger, darunter ein weiterer Landtagsabgeordneter, die Position von Heym. 

In der Bundespartei führte diese Art von systematischer Führungsverweigerung erst zu Konsternation und dann zu Empörung. Der Fraktionschef in der Bremer Bürgerschaft Thomas Röwekamp und Marco Wanderwitz, der Chef der sächsischen Landesgruppe im Bundestag, forderten den Parteiausschluss Heyms. "Irre" sei das, fasste Generalsekretär Paul Ziemiak die Lage in Thüringen zusammen.

Doch wie konnte es dazu kommen? Wie konnte ein erfahrener Politiker wie Mohring, der im CDU-Präsidium sitzt und die Fraktionsvorsitzendenkonferenz der Union führt, so etwas passieren? Oder steckt dahinter ein großer Plan, der ihn doch noch an die Macht führen soll?

Bricht jetzt der Damm zur AfD?

Am Anfang der Erklärung steht ein Wahlergebnis, das verzwickter kaum sein könnte und das Thüringen in eine Situation bringt, die es so in der Bundesrepublik noch nicht gab. Der alte und der neue politische Paria, die Linke und die AfD, bilden erstmals in einem deutschen Parlament eine unfreiwillige, aber stabile Blockademehrheit. Gegen beide gleichzeitig kann nicht regiert werden, schon gar nicht vom Wahlverlierer CDU.

Damit ist das Dilemma Mohrings und seiner Landespartei definiert. Er muss sich irgendwie neu gegenüber der Linken verhalten. Oder vielleicht auch gegenüber der AfD? Das ist die zentrale Frage, die gerade die Landespartei zu zerreißen droht und die zu den nächsten grundsätzlichen, für ganz Deutschland bedeutsamen Fragen führt: Bricht jetzt in Thüringen der Damm zur AfD, der schon in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg bröckelt? Wird ausgerechnet die von Björn Höcke geführte und von seinem völkischen "Flügel" dominierte Landespartei bündnisfähig für die Union?