Ist die AfD nach ihrem Parteitag noch weiter nach rechts gerückt? Betrachtet man nur die Vorstandsspitze, lässt sich dies verneinen. Die neu gewählten AfD-Chefs Jörg Meuthen und Tino Chrupalla sind Funktionäre, die eher die Mitte der AfD repräsentieren. Blickt man jedoch auf die Wahl der anderen 14 Bundesvorstandsmitglieder, so wird klar: Anders als in den westdeutschen Landesverbänden, in denen der völkische Flügel um den Thüringer Björn Höcke bei Wahlen zuletzt zurückgedrängt wurde, ist sein Einfluss auf der Bundesebene der Partei unverändert groß.

Zwar gibt es mehrere neue Vorstandsmitglieder, die sich zum gemäßigten Lager zählen lassen. Doch obwohl der AfD eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz droht, wählten die Delegierten mehrere Kandidaten, die sich nur zum Schein nach Rechtsaußen abgrenzen. Die Herabwürdigung der politischen Gegner sehen sie dagegen als probates Mittel des politischen Diskurses an. Zugleich fielen mehrere der bisherigen Vorstände durch, die vor dem völkischen Radikalismus des nationalistischen Parteiflügels gewarnt hatten.

Das hat auch mit dem Wahlverhalten der westdeutschen Landesverbände zu tun. Sie stellen die Mehrheit der Mitglieder und damit auch der Parteitagsdelegierten. Im Gegensatz zu den Ostlandesverbänden werden sie nicht von Höckes völkisch-nationalistischem Flügel dominiert. Sobald diese westdeutsche AfD-Mehrheit sich jedoch im Bundesvorstand ausreichend repräsentiert sieht, votiert sie auch für die Kandidaten des gegnerischen Höcke-Lagers – um des innerparteilichen Friedens willen. Das alles geschieht mittels vorabgesprochener Kandidaturen und Namenslisten, auch wenn das im Gegensatz zu der Selbstinszenierung der AfD als besonders basisdemokratisch gesinnter Kraft steht.

Dass die Partei sich nun in der rechten Ecke häuslich eingerichtet hat, zeigt zum Beispiel die Wahl des neuen Parteivizes Stephan Brandner. Der rhetorisch begabte Thüringer war bis vor Kurzem Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, wurde von dem Gremium aber wegen seiner umstrittenen Äußerungen gerade erst wieder abgewählt. Brandner ("Eigentlich gibt es nichts Schöneres, als abgesetzt zu werden") nutzte das in Braunschweig, sich als Opfer der anderen Parteien zu inszenieren. Ins Amt geholfen hat ihm wohl auch die Behauptung in seiner Bewerbungsrede, er sei vor der von der Polizei schwer bewachten Tagungshalle von Gegendemonstranten bespuckt worden.

Wiedergewählt wurde auch der brandenburgische Landes- und Fraktionschef Andreas Kalbitz, ein Ex-Fallschirmjäger mit einer Vergangenheit in rechtsextremistischen Gruppen.

Der Flügel-nahe Stephan Protschka wäre sogar fast Parteivize geworden. Er unterlag nur knapp gegen Beatrix von Storch, wurde später aber als Beisitzer wiedergewählt. Und das, obwohl er jüngst in Polen einen geschichtsrevisionistischen Gedenkstein mitfinanzierte, der zu diplomatischen Spannungen und zu Rücktrittsforderungen führte.

Neu hinzu kam der Hamburger Landesvize Alexander Wolf. Der als Kind mit seiner Familie aus der DDR in den Westen übergesiedelte Chef der AfD-Bürgerschaftsfraktion in der Hansestadt hatte 1989 im Haus der Münchner Rechtsaußen-Burschenschaft Danubia den Republikanischen Hochschulverein mitgegründet: In diesem mittlerweile der AfD nahestehenden Verein bewegte sich auch Hans-Ulrich Kopp, der sich wiederum mit Kalbitz in Jugendzeiten auf einem Festival flämischer Nationalisten in Belgien traf.   

Nicht mehr in den Vorstand gewählt wurde dagegen der bisherige Parteivize Kay Gottschalk aus NRW – der gemäßigte AfD-Bundestagsabgeordnete unterlag erst gegen Kalbitz, dann gegen Protschka. Gottschalk hatte sich unter anderem um die durch Flügelkämpfe zerrütteten Westlandesverbände gekümmert, darunter um die von Rechtsextremisten unterwanderte Saar-AfD. Auch der bisherige Parteivize Georg Pazderski aus Berlin scheiterte. Die von ihm geführte Berliner AfD stand für einen gemäßigten Politikstil, ohne die von Kalbitz und den Parteinationalisten geförderte Remigrations-Rhetorik. Dass Pazderski nun durchfiel, dürfte auch die Quittung für einen Appell aus dem vergangenen Sommer gewesen sein, in dem er sich gemeinsam mit anderen einflussreichen Parteifunktionären gegen die politische Egozentrik Höckes gewandt hatte.

Die für scharfe, zuweilen herabsetzende Antimigrationsrethorik bekannten AfD-Frauen, Alice Weidel und Beatrix von Storch, rückten im Vorstand auf Vizeposten auf. Und auch im letzten Wahlgang kam mit dem Rheinland-Pfälzer Joachim Paul ein weiterer AfD-Hardliner in ein Vorstandsamt: Der AfD-Landesvize soll unter Pseudonym für eine NPD-nahe Zeitschrift geschrieben haben. Widerlegen konnte er den Vorwurf bisher nicht. In Braunschweig verkündete Paul, er wolle Burkini-Trägerinnen "zurück nach Pakistan" schicken. Heftiger als andere in der AfD diffamierte er die öffentlich-rechtlichen Sender als "Staatsfunk", den es abzuschaffen "oder deutlich zu reduzieren" gelte.

Was zu Beginn des Parteitages von Braunschweig schwer vorstellbar war, ist eingetreten: Höcke und sein Parteiflügel haben das vorab artikulierte Ziel erreicht, mindestens drei bis vier Vertreter in den Vorstand reinzubringen. Besonders das hohe Ergebnis von Brandner oder der frühe Wiedereinzug Kalbitz‘ als zweitgewählter Beisitzer belegen den Einfluss des Flügels. Ihre Macht demonstrierten die Parteinationalisten um Höcke zudem, als sie einen weiteren Wahlgang torpedierten: Sie schickten die brandenburgische Landtagsabgeordnete Birgit Bessin mehrfach ins Rennen gegen den bewährten und zugleich innerparteilich gemäßigten Schriftführer Joachim Kuhs. Erst als Meuthen sich am Rednerpult für Kuhs stark machte, unterlag die Flügel-Frau – nach drei Wahlgängen.

Rein theoretisch könnte man dagegen die Wahl zweier neuer, bisher nicht als radikal aufgefallene Vorstandsmitglieder als Korrektiv zu der in der AfD um sich greifenden Dekonstruktions- und Herabwürdigungsrhetorik verstehen. Doch weder die bayerische Europaabgeordnete Sylvia Limmer noch der NRW-Bundestagsparlamentarier Jochen Haug grenzten sich in ihren Bewerbungsreden deutlich nach Rechtsaußen ab.

Derartige Bekenntnisse werden in der AfD aber ohnehin nicht besonders goutiert. Lediglich Meuthen hatte in seine Bewerbungsrede den Satz eingebaut, er stehe nicht zur Verfügung für eine Partei, die "schleichend in den Extremismus abrutscht". Doch selbst dieser Satz dürfte auch taktisch motiviert gewesen sein – schließlich droht der AfD die Beobachtung durch den Verfassungsschutz.