Es gibt einen Satz von Alexander Gauland auf dem letzten Parteitag, der leider viel zu wenig Beachtung fand. Er fiel, als sich der Nochparteichef in seiner Auftaktrede an die Nationalrevolutionären der AfD wandte, also an jenes amorphe Milieu von Pegida-Anhängern, Rechtsradikalen und Gelbwestenfans, das von einem Umsturz der "Merkel-Diktatur" fantasiert.

© Jakob Börner

Gauland schloss sich ihnen nicht an, im Gegenteil. Er bemühte sich, ihnen klarzumachen, dass ein Aufstieg der AfD allein auf parlamentarischem Wege zu geschehen habe. So weit, so richtig. Nur, welchen Gedanken er dafür benutzte, das sagt schon etwas über die Partei, die für sich die größte Ostkompetenz beansprucht. Gauland sagte:

"Der 14. Juli 1789 hat in Deutschland keine Tradition. Wir stürmen keine Bastille und wir sind nicht gut in Revolutionen. 1848 so wenig wie 1918."

Da fehlt was, oder? Richtig, der große Historiker und Bismarck-Freund, der Mann, der angeblich die langen Linien der Geschichte außerhalb des Korridors von 1933 bis 1945 erkennen kann, der gewesene Anführer der Partei, die die Ostdeutschen dazu aufforderte, die Wende zu vollenden – dieser Mann lässt mal eben die Friedliche Revolution von 1989 unter den Tisch fallen.

Keiner im Saal rief: Hallo?

Nein, die Deutschen stürmten nicht die Bastille, – warum auch? – aber immerhin die Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße. Ein Gebäude, das, historisch betrachtet, durchaus gewisse symbolische Ähnlichkeiten mit dem verhassten Großgefängnis des französischen Ständestaats hat. Aber mehr noch: Die Deutschen, genauer, die Ostdeutschen, erstürmten binnen weniger Monate einen ganzen Staatsapparat. Wie kann man das auslassen, wenn man über deutsche Revolutionen spricht? Und wie kann es sein, dass keiner der Ostdeutschen im Saal auch nur "Hallo?" rief, als Gauland die Revolution von 1989 von der deutschen Geschichte subtrahierte?

Es ist ziemlich ausgeschlossen, dass Gauland, der seit 1991 für fast 15 Jahre als Herausgeber der in Potsdam erscheinenden Märkischen Allgemeinen Zeitung wirkte, sich der ostdeutschen Geschichte nicht bewusst ist. Vielleicht setzt er seine Schwerpunkte in der deutschen Geschichte einfach woanders. Betrachtet man Gaulands politisches Weltbild, könnte man vermuten, dass er offenbar die Studentenbewegung und 1968 für den größeren Einschnitt in der deutschen Geschichte hält als den Umsturz vom Herbst 1989. Er scheint zu glauben, dass die gesellschaftliche Liberalisierung, der angebliche Werteverfall und der institutionelle Aufstieg einer linken Generation im Westen viel bedeutsamer sind als der gesellschaftliche Umsturz, der sich während und nach der Friedlichen Revolution ereignete.

So hat auch die ganze AfD, die sich liebend gern als Sprecherin der Ostdeutschen inszeniert, eigentlich kein spezifisches Verhältnis zum Osten. Sie mag ihn, weil er ihr Stimmen bringt. Zwar nutzt die Partei immer wieder das ostdeutsche Ressentiment gegen arrogante Wessis und die Treuhand. Sie spricht dabei aber weniger für die Ostdeutschen, als dass sie die Ossis in ihre eigenen Erzählungen von linken Eliten und Bevölkerungsaustausch einspannt. Viel mehr fällt ihr zum Osten nicht ein.

Könnte sein, dass der Osten ganz anders ist

Vielleicht liegt das daran, dass auch ihre Ostverbände von Westdeutschen dominiert werden, von Leuten wie Björn Höcke, Andreas Kalbitz und Jens Maier. Denen liegt natürlich nicht viel daran, den Osten differenzierter zu betrachten. Es könnte sich ja herausstellen, dass er zunehmend vielfältiger wird, was für die AfD ein echtes Problem wäre. Deswegen wird der neue Parteichef, der Sachse Tino Chrupalla, nicht viel mehr tun, als die Ressentiments der ostdeutschen AfD-Wähler zu wiederholen, von jenen Ostdeutschen also, deren tiefe Frustration über die Nachwendezeit oder deren fester Rassismus alles überragt, auch die Vernunft.

Diese politisch motivierte Realitätswahrnehmung der AfD zeigt sich bei der Schicksalsfrage des Ostens: Wird es gelingen, deutsche und, ja, auch gezielt ausländische Zuwanderung zu organisieren? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, ob Zuglinien, Schulen und Kitas erhalten bleiben, und ob in vielen ländlichen Regionen je Aufschwung oder zumindest Stabilität entsteht. Es geht auch darum, eine Wunde zu heilen. Die Massenabwanderung der vergangenen 30 Jahre zerriss Familien in jedem Ort, sie verbitterte die Verbliebenen und sie verhinderte nachhaltigen ökonomischen Aufschwung. Sie ist das große Trauma des Ostens. Ob ihre Effekte eines Tages umgekehrt werden können, ist für ihn eine existenzielle Frage.

Für die AfD dagegen muss Zuwanderung eine Bedrohung sein, weil nur die aktuelle demografische Situation ihre Wahlergebnisse sichert. Das Thema Zuwanderung überfordert die Partei, es führt sie an die intellektuellen Grenzen ihrer eigenen Ideologie. Ihr bleibt nur, die Realität bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren und Zuwanderung völlig kontrafaktisch als Bedrohung für den Osten zu beschreiben.

Gauland hat mit seinen Worten auf dem Parteitag nur verdeutlicht, dass die AfD, die im Osten am stärksten von den Verletzungen der Nachwendezeit profitiert, keine Ostkompetenz hat. Sie interessiert sich nicht für den Osten, außer als Stimmreservoir. Sie hat dem Osten nichts zu bieten außer autoritäre Fantasien. Dinge, die dem Osten dagegen wirklich helfen würden, liegen nicht im Interesse der AfD. Gut, dass Gauland mal den Blick darauf gelenkt hat. Schlecht, dass es so wenige mitbekommen haben.