Eindeutigkeit

"Daran erkennt ihr, dass wir als Partei noch viel zu sehr im Selbstbeschäftigungs-Modus sind. Dass wir noch viel zu viel Energie verlieren für die Menschelein und die Konflikte, die es zu moderieren gilt. Und dadurch viel zu wenig Energie zur Verfügung haben, um das politische Establishment zu jagen, was denn sonst? Die Gegner sind die Kartell-Parteien. Die Gegner sind das politisch-mediale Establishment."
Kyffhäuser-Rede 2019 

Verbindendes, Konsens, Gemeinsamkeiten werden von Höcke zu keinem Zeitpunkt gesucht oder angeboten. Höckes Sprache lebt von der Eindeutigkeit. Alles muss Freund oder Feind sein, Innen oder Außen, Patriot oder Verräter, Mann oder Frau, Schwarz oder Weiß. Dieses Schema der Bipolaritäten wird der Realität übergestülpt. Alle, die nicht hineinpassen, werden passend gemacht oder müssen ebenso ausgeschieden werden wie die Feinde. In der Realität bedeutet dieses "Ausscheiden" alles zwischen der sprachlichen und konkreten Diskriminierung über den Entzug von Rechten bis zu Verfolgung und letztlich Vernichtung. Höcke selbst gesteht dies 2019 freimütig in seinem Sommerinterview mit dem MDR ein. Er nennt es "deutliche Worte", die in dieser Zeit "dazugehören". 

Endkampf

"Aber bei der Zuwanderung wird heute alles falsch gemacht: zu viel, zu schnell, zu fremd. Noch dazu in einem Land, das seine eigene Kultur in Frage stellt. Das kann nicht gut gehen. Und wenn Deutschland fällt, fällt Europa."
Aus einem Interview mit der Schweizer Weltwoche vom 27.11.2019 

Höcke betrachtet die Gegenwart als eine epochale Zeitenwende. Das führt zu einem Abwehrkampf, den man, ob man will oder nicht, führen muss. In der Notwehr ist jedes Mittel recht, um die eigene Existenz zu bewahren. Dieses Denken äußert sich etwa in Slogans wie dem "Europa Verteidigen" der Identitären. Auch Höcke benutzt diesen Topos, wenn er das heutige Deutschland mit Rom kurz vor dem Untergang vergleicht oder davon spricht, dass manche Städte bereits verloren sind. Diese Angstlust am bevorstehenden Untergang soll eine Dringlichkeit bei den Zuhörenden erzeugen – es muss jetzt gehandelt werden, es ist keine Zeit mehr für Debatte, Abwägen und Anhören verschiedener Argumente. Alles, was zählt, ist die Tat. In dem Buch Nie zweimal in den selben Fluss skizziert er dieses Endzeitszenario mit bestechender Emotionslosigkeit. Höcke spricht davon, dass "ganze Volksteile" verloren gehen, die eben zu schwach für den Kampf seien, attestiert aber in heroischem Pathos, dass der Rest siegreich aus der Geschichte hervor gehen werde.  

Opfer

"Die großen Leitmedien haben beispielsweise in der großen Flüchtlingskrise 2015/16 nicht mehr das gezeigt, was man von der Presse als vierte Gewalt im Staate verlangt, nämlich die Regierungsarbeit kritisch zu hinterfragen, sondern mehr oder weniger Regierungspropaganda betrieben. Und genauso versuchen diese Leitmedien eine neue erfolgreiche Opposition dadurch zu beschädigen, dass sie die führenden Protagonisten stigmatisierend darstellen."
MDR-Sommerinterview 21.08.2019 

Dazu passt, dass es in Höckes Welt immer dunkle Mächte gibt, die den eigenen Erfolg mit unlauteren Mitteln verhindern wollen. Diese Mächte zeigen sich nie in einer direkten Konfrontation, sondern sind feige und von den Mächtigen gut finanziert. Sie arbeiten gegen "das Volk" und seine "wahren" Vertreterinnen und Vertreter. Diese Erzählung ist 150 Jahre alt und die Basis für den antisemitischen Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Ähnlich wie bei der Erzählung vom Endkampf begibt sich der Sprecher in eine Verteidigungsposition. Gleichzeitig immunisiert ihn diese Rolle, denn jeder Skandal, jedes Fehlverhalten kann als Verschwörung abgetan werden. Alle Quellen, auch seriöse Nachrichtenagenturen, werden zu Agenten des Verrats und als Fake-News abgestempelt. Dies ist bei fast jedem seiner öffentlichen Auftritte zu beobachten. Beim Sommerinterview mit dem MDR spielt Höcke die Konfrontation mit seinen schlechten persönlichen Beliebtheitswerten (16 Prozent im Gegensatz zur AfD, die bei 24 Prozent stand) direkt zurück und macht die Medien dafür verantwortlich, die ihn persönlich untergraben würden. 

Es sind aber nicht nur Medien, sondern auch die Zivilgesellschaft, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Wissenschaft, die sich, laut Höcke, an dieser Verschwörung beteiligen. Sie alle werden zum Feind erklärt. Höcke lamentiert, dass es keinen Politiker in der Nachkriegszeit gebe, der so unlauter angegangen wurde. Seine Erklärung ist kurz gesagt der alte Haider-Spruch "Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist." Die Selbstüberhöhung zum Staatsfeind Nummer 1 bedient das Endkampfnarrativ gleich mit.

Björn Höcke schafft es wie keine zweite öffentlichkeitswirksame Figur, diese faschistischen Narrative in seinen Auftritten zu vereinen. Sein Referenzrahmen ist auch nicht die etablierte Parteienpolitik, nicht einmal jene der AfD. Sein Referenzrahmen ist die Clique in Schnellroda rund um seinen Freund Götz Kubitschek. Liest man dort weiter, dann nähert man sich Höckes Denken und damit seiner Sprache viel mehr an, als es ein Blick ins Parteiprogramm der AfD je könnte. Der britische Historiker Roger Griffin bezeichnet Faschismus in der kürzestmöglichen Definition als "palingenetischen Ultranationalismus", also eine in Aussicht gestellte Wiederauferstehung der völkisch gedachten Nation auf dem Schutt des aktuellen Systems. Es geht dementsprechend auch bei Höcke nicht mehr um den Austausch einzelner Positionen zu verschiedenen politischen Debatten. Es geht um die Verminung, letztlich die Zerstörung des demokratischen Diskurses und Systems.