Theoretisch ist es denkbar, dass sich beide Koalitionspartner demnächst an einen Tisch setzen und gemeinsam ihre jeweiligen Lieblingsprojekte vereinbaren. Die Union könnte sich einen höheren Mindestlohn etwa mit einer Unternehmenssteuerreform oder einer vollständigen Abschaffung des Solidaritätszuschlags bezahlen lassen. Doch auch diese Variante stößt in Unionskreisen auf wenig Gegenliebe: Schließlich würde die Koalition bei einem solchen Vorgehen wohl auch finanziell schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen, heißt es in der Partei.

Eine Minderheitsregierung – etwa gemeinsam mit der FDP – betrachten manche in der Union dagegen fast als eine Art Befreiungsschlag. Die Situation habe sich im Vergleich zu 2017 verändert, sagt ein hochrangiger CDU-Politiker, der eine Minderheitsregierung selbst lange kritisch sah. Man habe jetzt eine gewählte Bundeskanzlerin, die nicht mehr gegen ihren Willen aus dem Amt gedrängt werden könne. Außerdem sei vergangene Woche der Haushalt 2020 verabschiedet worden. Bis Ende 2020 könne man also erstmal auch ohne Mehrheit weiterregieren und auch danach könnte mit einer vorläufigen Haushaltsführung durchaus noch einige Zeit überbrückt werden. Im Gegensatz zu Neuwahlen würde eine Minderheitsregierung auch für ein gewisses Maß an Stabilität sorgen – etwa mit Blick auf die EU-Ratspräsidentschaft.

Die Unterstützer dieser Option hoffen, dass die Union in einer Alleinregierung politisch an Profil gewinnen könnte. Man könne dann die eigenen Gesetzesvorhaben etwa zu einer Rentenreform, einer Mittelstandsinitiative oder zur Entbürokratisierung in den Bundestag einbringen. Unklar ist allerdings, ob die Bundeskanzlerin in diesem Fall noch immer Merkel hieße. Ein Aufbruchssignal sei nur möglich mit einem neuen Kanzler oder einer neuen Kanzlerin, sagt einer der Verfechter dieser Option. Der neue Regierungschef könne im dritten Wahlgang auch ohne absolute Mehrheit gewählt werden. Und noch einen Vorteil hat diese Variante aus Sicht manches Fraktionsmitglieds: Auch die Ministerien, die jetzt noch von der SPD gehalten werden, müssten dann neu besetzt werden. Endlich wäre beispielsweise Platz für einen Finanzminister Friedrich Merz.

Oder doch noch Jamaika?

Im Fall des Platzens der Koalition wäre natürlich auch eine Neuverhandlung über ein Jamaika-Bündnis möglich. Dass vor allem die Grünen, die in Umfragen derzeit mehr als doppelt so stark dastehen wie bei der vergangenen Bundestagswahl, daran wenig Interessen haben dürften, kontert manch ein Unionsabgeordneter mit dem Hinweis, man könne die Grünen dann doch bei den Ministerien stärker berücksichtigen als es ihrem derzeitigen Stimmenanteil im Bundestag entspreche. Und betonten die Grünenvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock nicht immer, dass sie regieren wollten? Das werde es für sie schwierig machen, ein solches Angebot auszuschlagen, so die Unionshoffnung.

Dass man den Grünen in diesem Fall wohl ähnlich große Zugeständnisse machen müsse, wie der SPD, um sie in der Koalition zu halten, schreckt Unionsvertreter dabei nicht. Die Grünen seien wirtschaftspolitisch vernünftiger als die SPD, heißt es stattdessen in Fraktionskreisen. Möglicherweise ließe sich dann ja sogar die ein oder andere soziale Wohltat, die man der SPD versprochen habe, zugunsten von mehr Klimaschutz wieder zurücknehmen.

Neuwahlen wären aus Unionssicht wohl die schlechteste Lösung. Doch allzu groß ist die Angst davor ohnehin nicht. Nicht nur, weil schon die verfassungsrechtlichen Hürden groß wären, um Neuwahlen einzuleiten. Die Union kalkuliert vielmehr kühl mit dem Elend ihres bisherigen Koalitionspartners: "Neuwahlen muss die SPD doch noch viel mehr fürchten als wir."