War da was? Kein Groko-Aus an Nikolaus, der SPD-Parteitag hat die Revolution vertagt. Und dann loben sich auch noch die Gegner der großen Koalition und das Regierungslager gegenseitig auf offener Bühne: Nicht mal eine Woche nach dem überraschenden Votum der Partei für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans als neues Führungsduo hat sich die SPD zusammengerauft. Am Abend folgt der Parteitag dem Wunsch ihrer neuen Chefs, statt Konfrontation vorläufig lieber Gespräche mit der Union zu suchen. Drei oder vier Gegenstimmen zählen sie im Parteitagspräsidium, mehr nicht.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans werden also schon nächste Woche im Koalitionsausschuss mit der Union verhandeln – über das Klimapaket, 12 Euro Mindestlohn und mehr Investitionen in Bildung, Digitales und Infrastruktur. So lautet der Kompromiss, den die beiden neuen Vorsitzenden mit den Vertretern der SPD-Fraktion und den Ministern gefunden haben. Doch Esken und Walter-Borjans formulierten auf dem Parteitag auch ein Versprechen an ihre Anhänger: Diesmal, ganz sicher, kämen "keine faulen Kompromisse" dabei heraus.

Manche Groko-Gegner werden ausgebuht

Es ist ein gewaltiger Vertrauensvorschuss, den diejenigen in der SPD, die das ewige Weiter-so leid sind, ihren neuen Chefs mitgegeben haben: Den Antrag einiger Parteilinker, jetzt nicht mehr zu warten, sondern sofort aus der großen Koalition auszusteigen, schmetterten die Delegierten brav ab. Die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis wurde sogar von einigen ausgebuht, als sie rief: "Warum sollten wir einen schleichenden Tod hinnehmen?" Die ehemalige Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel erhielt für ihr Lamento, seit Jahren rede die SPD über programmatische Erneuerung auf der Regierungsbank, das habe nur nie funktioniert, zwar freundlichen Applaus, aber das war es dann auch schon. Drohsels Appell "Lasst uns doch mal mutiger sein" verhallte ungehört.

Die SPD, das ist eine mögliche Erklärung für dieses Phlegma, hat eine heftige Woche hinter sich. Am vergangenen Samstagabend haben überraschend zwei erklärte Groko-Skeptiker den Mitgliederentscheid für den Parteivorsitz gewonnen: Und damit über Vizekanzler Olaf Scholz und alle anderen Regierungsmitglieder der SPD triumphiert. Diese Wahl, betont Arbeitsminister Hubertus Heil auf dem Parteitag, sei kein Betriebsunfall gewesen. Vielmehr habe die SPD-Basis damit ihre tiefe Abneigung gegenüber dem ewigen Weiter-so zum Ausdruck gebracht, dem Durchhalteappell angesichts der seit Jahren sinkenden Umfragewerte und gegenüber dem Versprechen, bald werde es schon besser, auch mit der Union.

Das neue Führungsgremium ist schön austariert

Doch da das Ergebnis des Mitgliederentscheids knapp und die Wahlbeteiligung gering war, änderten die Neuen im Laufe der Woche ihren Kurs: Sie gingen auf das Regierungslager zu und klangen kompromissbereiter. Auf dem Parteitag scherzt daher so mancher Delegierte, diese moderaten Beschlüsse und diese versöhnlichen Reden hätte auch der Oberrealo Olaf Scholz verantworten können.

Die negative Berichterstattung, die vielen Abgesänge auf die Zukunftsfähigkeit der SPD haben die Genossen definitiv zusammengeschweißt. Es gehe nun darum zusammenzubleiben, hört man auch von denen, die kurz zuvor noch sehr leidenschaftlich über die neuen Vorsitzenden gelästert haben. Als Arbeitsminister Heil und Juso-Rebell Kühnert um einen Stellvertreterplatz im Präsidium rangelten, was zu einem Showdown der Groko-Kritiker gegen das Regierungslager hätte aufgeblasen werden können, schafften die Genossen kurzerhand zwei weitere Stellvertreterposten. Und das, obwohl sie eigentlich das Parteipräsidium hatten verkleinern wollen. Das neue Führungsgremium ist nun schön austariert, weder die Vertreter der Linken noch das Regierungslager, keiner hat die Übermacht.