Manchmal lohnt es sich, ein Ereignis noch einmal zu betrachten – wenn sich der Staub gelegt hat. Bei der Madrider Klimakonferenz ist das definitiv so, denn die wurde lang und breit als leider (fast) gescheitert bejammert. Tatsächlich haben die Regierungen dort ja nicht mehr Klimaschutz versprochen, trotz der immer dringlicheren Mahnungen der Klimaforscher. Doch (fast) gescheitert sind in Madrid auch die Verhandlungen für Artikel sechs. Und darüber sollte man nicht jammern, darüber kann man sich freuen. Artikel 6 klingt nach Kleingedrucktem. Doch tatsächlich steckt hier (wie so oft im Kleingedruckten) eine Stinkbombe.

Artikel 6 sollte Regeln für den globalen Kohlenstoffmarkt schaffen. Regierungen sollten dadurch ihre CO2-Einsparziele künftig nicht nur durch Anstrengungen im eigenen Land erreichen – sondern sich auch Zertifikate von einem anderen Land kaufen können. Deutschland könnte dann beispielsweise CO2-Zertifikate aus Brasilien kaufen und damit das eigene Klimaziel schönrechnen. Das aber wäre gleich aus mehreren Gründen schlecht. Erstens könnte es (durch einen lax geschriebenen Artikel 6) jede Menge Zertifikate geben, die ihr Geld nicht wert sind – weil die Projekte, durch die angeblich CO2 eingespart werden sollten, nicht seriös sind. Wenn Brasilien also beispielsweise in der einen Ecke den Urwald abfackelt, anderswo aber Wald anpflanzt – dann könnte es dafür Zertifikate bekommen und die weltweit verkaufen. Deutschland wiederum könnte sie kaufen und damit ein Verbot des Verbrennungsmotors hinauszögern – weil es ja durch die Zertifikate angeblich weniger CO2 in die Atmosphäre entlässt.

Es gab in Madrid noch irrere Ideen: Brasilien hätte gern Zertifikate verkauft, wollte die Einsparungen aber dennoch sich selbst gutschreiben. Diese wären dann also doppelt verbucht worden. Im Kern ging es den meisten Fans von Artikel 6 immer darum, die eigenen Anstrengungen zu minimieren, also national weniger für den Klimaschutz tun zu müssen und international trotzdem gut dazustehen. Das alles, das muss noch einmal deutlich gesagt werden, ist (noch) Fiktion. Noch gibt es Artikel 6 ja nicht, die Verhandlungen wurden ins kommende Jahr vertagt, auch weil die EU das so wollte. Zu groß fanden die europäischen Verhandler die Gefahr, dass der Zertifikatehandel oder sogar die komplette internationale Klimapolitik in Verruf geraten könnte, weil zu viele schmuddelige Geschäfte möglich gewesen wären. Schließlich hatte man mit diesem Modell bereits einmal schlechte Erfahrungen gemacht, zur Zeit des Kyotovertrags.

Damals wurde so viel gelogen und betrogen, dass Jörg Haas von der Böllstiftung vom "schwarzen Loch des Emissionshandels" spricht. Auch er freut sich deswegen, dass dessen Wiedervorlage in Madrid gescheitert ist. Es ist blöd und anstrengend, aber wer wirklich etwas gegen die Klimakrise tun will, der tut es eben am besten sofort und im eigenen Land. Langfristig führt daran sowieso kein Weg vorbei, schließlich sollte bis 2050 jede Volkswirtschaft CO2-neutral funktionieren, früher wäre besser – jedenfalls, wenn sich die Durchschnittstemperatur nicht um drei, vier oder mehr Grad erhöhen soll. Klar, nationaler Klimaschutz ist mühsam, er kostet Geld – und deswegen ist es umso wichtiger, ihn fair zu gestalten. Wie schwierig das ist, zeigt sich gerade wieder in Deutschland.

Gerade erst haben Bundestag und Bundesrat beschlossen, den CO2-Preis nun doch ein wenig höher festzusetzen als die große Koalition es ursprünglich geplant hatte. Sprit und Heizöl werden ab 2021 also teurer werden, was vielen Autofahrern schon heute Phantomschmerzen verursacht. Anderen wiederum reicht der Preis nicht, weil er aus ihrer Sicht nicht für genug Klimaschutz sorgt. Es gibt also Streit. Doch genau darum geht es, genau das ist Klimapolitik: das Erstreiten von technologisch, sozial und finanzpolitisch sinnvollen Lösungen im eigenen Land. Der Kauf von billigen Zertifikaten im Ausland vertagt solche dringend nötigen Auseinandersetzungen nur. Deswegen gehört Artikel 6 auch in Zukunft verhindert. Scheitern kann manchmal richtig schön sein.