Wie viel Klimaschutz brauchen wir? Ist radikaler Klimaschutz gerecht? Tun wir genug gegen die Erderwärmung? Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Professor an der Uni Rostock, forscht dazu seit mehr als 20 Jahren. Ekardt ist ehrenamtlicher Landesvorsitzender des BUND Sachsen und steht den Grünen nahe: Im Jahr 2013 kandidierte er für die Partei bei der Oberbürgermeisterwahl in Leipzig. Doch selbst die Grünen seien zu lasch in Klimafragen, sagt er. Warum? Darüber schreibt er in diesem Text. Wie schon bei früheren Beiträgen antwortet er auch diesmal auf die Kommentare unserer Leserinnen und Leser. Diskutieren Sie mit!

Das Klimapäckchen der Bundesregierung trägt fast nichts dazu bei, die globale Erwärmung auf die international verbindlich vereinbarten 1,5 bis 1,8 Grad zu begrenzen. Denn dafür müssten wir in höchstens 20 Jahren alle Emissionen in allen Sektoren weltweit auf null senken. In der ganzen Aufregung über die unzureichende Politik der großen Koalition geht jedoch ein wichtiger Punkt unter: Die anderen Parteien haben die Größe der Herausforderung ebenfalls nicht voll erfasst – auch nicht die Grünen. Gemessen an der 1,5-Grad-Grenze machen auch sie völlig unzureichende Vorschläge.

Der von den Grünen angedachte CO2-Preis in Deutschland von zunächst 40 Euro pro Tonne Treibhausgas ist beispielsweise aus fachlicher Sicht eher ein Witz. Nötig wäre für die besagten Nullemissionen in allen Sektoren in zwei Dekaden eher das Zehnfache oder mehr, sicherlich schrittweise, aber nicht derart niedrig beginnend.

Man kann auch nicht gleichzeitig andere Ressourcensteuern wie die Stromsteuer streichen oder gar den Bürgern die Einnahmen einer Klimabepreisung zurückgeben, denn damit riskiert man, dass sie das Geld wieder in neuen Konsum und neuen Umweltverbrauch stecken. Zudem lenkt die Debatte über strukturelle Veränderungen, die es statt persönlicher Verhaltensänderungen brauche, von einem wichtigen Punkt ab: Politikwandel und Konsumwandel sind nur gemeinsam zu haben und bedingen sich gegenseitig.

Das Problem, das mich als Wissenschaftler umtreibt, aber auch als Aktiver in einem Umweltverband, geht jedoch über den aktuellen Klimastreit hinaus. Es scheint, dass selbst die Grünen in einer Art von Kretschmannisierung oder Merkelisierung ihre Ökoforderungen zunehmend so ausrichten, dass sie niemanden in seinem Lebenswandel stören und damit auch für eine breite Mitte akzeptabel sind. Auf Landes- und Kommunalebene finden sich ähnliche Tendenzen.

All das ist ebenso deprimierend wie erklärbar: So wie die der Regierungsparteien Union und SPD spiegelt auch die Politik der Grünen die mangelhafte Motivationslage bei uns allen mit all den Eigennutzkalkülen, Bequemlichkeiten, der Verdrängung und allzu menschlichen Neigung zu Ausreden wider – sie haben sich deshalb für eine vergleichsweise symbolische Klimapolitik entschieden. Mehr noch: Akteure aller Lager scheinen nicht begriffen zu haben, dass es beim Klimaschutz nicht nur um einen politischen Kampf geht, sondern um die Gefahr, dass auch ihre ganz private Welt und unser aller Existenz zusammenbrechen.

Hinter der unzureichenden Klimapolitik steht auch ein großer Trugschluss, der sich quer durch das gesamte Parteienspektrum zieht: Klimaschutz funktioniere nur dann, wenn niemand etwas verliere, sonst sei er ungerecht oder nicht durchsetzbar. Richtig dagegen ist, dass es sozial viel fataler ist, nichts oder viel zu wenig gegen den Klimawandel zu tun. Und wirksamer Klimaschutz kann auch sozial ausgerichtet werden und funktionieren.

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Aber es stimmt schon: Selbst wenn die 1,5-Grad-Grenze durch rein technische Maßnahmen und ohne jede Genügsamkeit in unseren Lebensstilen einhaltbar wäre – was sie eher nicht ist –, würde das die Lebensgewohnheiten mancher Menschen beeinflussen. Beispielsweise im Flugverkehr: Fliegen kann zwar auf – ökologisch nicht einmal völlig überzeugende – wind- oder solarstrombasierte synthetische Kraftstoffe umgestellt werden, aber dann wird es teurer. Die Zeiten, wo selbst Studenten problemlos dreimal im Jahr fliegen können, wären damit wohl vorbei. Eigentlich ist das trivial. Aber sagt das irgendein Politiker?