Der sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Lars Herrmann ist aus seiner Partei und Fraktion ausgetreten – aus Protest gegen deren Kurs. Er wird aber als fraktionsloser Abgeordneter im Bundestag bleiben. Zuerst hatte die Junge Freiheit über den Austritt berichtet.

Zur Begründung gab er an, er sei wegen Kritik am thüringischen AfD-Vorsitzenden und Flügel-Chef Björn Höcke aus der Landesgruppe Sachsen im Bundestag ausgeschlossen worden, ohne angehört worden zu sein. "Das war für mich der Zeitpunkt, um zu sagen, dass mich hier nichts mehr hält." Laut Herrmann wurde sein Ausschluss in der zehn Mitglieder zählenden Landesgruppe mit knapper Mehrheit beschlossen, bei mehreren Enthaltungen und einer Gegenstimme.

Wie Herrmann schilderte, hatte der stellvertretende Chef der Landesgruppe Sachsen der AfD-Fraktion, Siegbert Droese, den Antrag auf Ausschluss Herrmanns auf die Tagesordnung der Landesgruppensitzung am Montag gesetzt. Der Hauptvorwurf war demnach Herrmanns Kritik an Höcke auf dem Bundesparteitag Ende November in Braunschweig, wo die Partei ihren Bundesvorstand neu wählte. Dort hatte Herrmann am Mikrofon Höcke für einen Posten vorgeschlagen, aber mit dem kritisch gemeinten Nachsatz: "Damit er sich eine Klatsche abholen kann." Aus der Landesgruppe war für Nachfragen von ZEIT ONLINE kein Abgeordneter zu erreichen.

Hintergrund ist die innerparteilich immer wieder zu hörende Kritik an Höcke, seinem ichbezogenen Auftreten und seinen nationalistischen Thesen. Mehrere einflussreiche Parteikollegen hatten Höcke vor dem Parteitag aufgefordert zu kandidieren. Kalkül dabei war, dass er als wichtigster Protagonist des nationalistisch-völkischen Parteiflügels keine Mehrheit bekommen werde.

Herrmann erinnerte an Höckes Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" und sagte ZEIT ONLINE: "Das ist nicht das, was ich mir unter AfD-Politik vorstelle." Was Höcke sage und vertrete, "schadet der AfD mehr, als es ihr nützt". Bisher sei er bereit gewesen, "das zu ertragen und dafür in Mithaftung genommen zu werden". Seit seinem Ausschluss aus der Landesgruppe sei er aber "nicht mehr bereit, mir das zurechnen zu lassen". Hintergrund ist dabei die Auffassung nicht nur von Verfassungsschützern, sondern auch innerhalb der AfD, dass Äußerungen einzelner Parteifunktionäre unter Umständen der ganzen Partei und damit jedem Mitglied zugerechnet werden können.    

Ausschlaggebend sei für ihn auch die Pressekonferenz von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gemeinsam mit Verfassungsschutz (BfV) und Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag gewesen, sagte Herrmann. Verfassungsschutz-Chef Thomas Haldenwang hatte dort seine Einschätzung wiederholt, der Höcke-Flügel "wird immer extremistischer".

Beobachter der AfD leiten daraus ab, dass der Flügel im kommenden Jahr zum Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes werden könnte. Dann könnten auch Beamte in der AfD ein Problem bekommen, wie selbst ein von der Partei bestellter Gutachter rsümierte. Bisher führt die Behörde den Flügel wie auch die AfD-Jugendorganisation Junge Alternative als "Verdachtsfall". "Wenn der Flügel als extremistisch eingestuft wird, wäre es nicht gut, wenn ich bis zur letzten Minute damit warte", sagte Herrmann über seinen Austritt. Er begründete ihn auch damit, dass die Führung des sächsischen Landesverbandes und sein Kreisverband Leipzig-Land mit Vertretern des rechtsnationalen Flügels besetzt seien.

Aus seiner Kritik an Höcke habe er auch bei andere Gelegenheit "keinen Hehl gemacht", sagte der Abgeordnete, der nun als fraktionsloser Parlamentarier im Bundestag sitzen wird. Bisher habe ihn seine Fraktion trotz mancher Kritik gewähren lassen, "weil sie mit meiner Arbeit zufrieden war". Als Mitglied im Innenausschuss des Bundestages positionierte sich Herrmann politisch vor allem über seine Arbeit als Polizist im Drogenmilieu und bei Abschiebungen. 

Herrmann wird im Bundestag demnächst in der letzten Reihe neben den ebenfalls ausgetretenen früheren AfD-Politikern Frauke Petry, Mario Mieruch und Uwe Kamann sitzen. Dass die vier eine eigene Gruppe bilden, ist unwahrscheinlich. Herrmann gehörte innerparteilich zwar zum Petry-Lager, äußerte sich über ihren unangekündigten Austritt 2017 aber enttäuscht: "Petrys Austritt hat es den Gemäßigten in der AfD schwer gemacht." Wie der Polizeibeamte Herrmann sagte, ist seine politische Karriere nun beendet. Er verspüre keinen Drang, in eine andere Partei einzutreten. "Ich sehe mich in Uniform auf der Straße."

Seinen ehemaligen AfD-Kollegen gibt er den Rat, "mit offenen Augen und Ohren" durch die Parteienlandschaft zu gehen "und nicht den falschen hinterherzulaufen".