Der ehemalige SPD-Vorsitzende Martin Schulz warnt davor, die Koalition mit der Union vorzeitig zu beenden. Vor der Abstimmung über die neue Parteispitze hatte Schulz sich für das Duo Olaf Scholz und Klara Geywitz ausgesprochen. Er selbst war von 2017 bis 2018 Parteichef, den Koalitionsvertrag mit der Union hat er mitausgehandelt.

Frage: Die Basis hat gesprochen, die Groko-Kritiker Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken führen künftig die SPD. Ist das der Anfang vom Ende der großen Koalition?

Martin Schulz: Ich gratuliere den beiden zu ihrem Wahlsieg. Dies ist ein Auftrag, die Partei zu führen, aber auch ein Auftrag an die Partei, sie zu unterstützen. Mein Ratschlag ist, das Heil nicht in der Flucht aus der Regierung zu suchen, sondern in der Gestaltungskraft der SPD in der Regierung. Unser Ziel muss sein, so stark zu werden, dass die nächste Regierung von uns angeführt werden kann. Ich glaube, dass es für so eine Linie auf dem SPD-Parteitag eine Mehrheit gibt.

Frage: Kann Olaf Scholz nach dieser Niederlage Vizekanzler bleiben?

Schulz: Olaf Scholz muss selbst bewerten, wie er im Lichte dieses Ergebnisses seine Rolle sieht. Da kann ich keine Ratschläge erteilen.

Frage: Haben Walter-Borjans oder Esken nun das Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur?

Schulz: Die beiden Parteivorsitzenden werden ganz sicher ein Verfahren finden, um eine geeignete Person aufzustellen. Wer das am Ende sein soll, wird sich im Verlauf des Jahres 2020 zeigen. Das kann einer der Parteivorsitzenden sein. Die SPD hat viele gute Köpfe.

Frage: Die neue SPD-Doppelspitze übernimmt eine am Boden liegende Partei. Von einem 20-Prozent-Ergebnis im Bund, das Ihnen als SPD-Chef nach der Bundestagswahl 2017 zum Verhängnis wurde, kann die Sozialdemokratie heute nur träumen. Woran liegt das?

Schulz: Die aktuelle Lage hat viele Ursachen. Das hängt auch mit einer fundamentalen Veränderung im Parteiensystem zusammen und mit einer Welt, in der vieles in Bewegung ist.

Frage: Heißt das, die SPD kann im Grunde wenig gegen den Niedergang tun?

Schulz: Wenn die SPD sich treu bleibt, kann sie jedem Zeitgeist trotzen. Sie darf ihren politischen Kern nur nicht dauernd selbst infrage stellen.

Frage: Inwiefern geschieht das denn?

Schulz: Wir müssen aufhören, öffentlich übereinander herzuziehen. Eine Partei, die für Respekt, Würde und Toleranz kämpft, sich aber nach innen intolerant, respektlos, würdelos verhält, verliert jede Glaubwürdigkeit.

Frage: Welche Rolle spielen persönliche Feindschaften innerhalb der SPD-Führung für die Misere?

Schulz: Eine zu große, auch das kann nicht so bleiben. Sehen Sie, Olaf Scholz und ich haben beispielsweise eine sehr besondere Geschichte miteinander …

Frage: … Sie sehen in Scholz einen der Verantwortlichen für Ihren Sturz als SPD-Chef.

Schulz: Ich habe das alles hinter mir gelassen. Wir sind in eine Situation gekommen, wo Befindlichkeiten keine Rolle mehr spielen dürfen und man persönliche Verletzungen abhaken muss. Es geht jetzt um die Existenz der Partei. Deshalb habe ich mich öffentlich für Olaf Scholz als künftigen SPD-Chef ausgesprochen. Manch politische Differenz bleibt sicher bestehen. Aber das darf uns nicht davon abhalten, zum Wohle der Partei und unseres Landes dort wo es geht zusammenzuarbeiten.

Frage: Wegen Ihres Plädoyers für Olaf Scholz wurden sie aus der SPD prompt hart angegangen.

Schulz: Ja, klar habe ich mir mit dieser Entscheidung nicht nur Freunde gemacht und manch einer war auch enttäuscht. Aber ich habe meine Beweggründe in einem langen Interview im Spiegel dargelegt und auch klargemacht, dass ich nach wie vor zu meiner politischen Linie stehe. Aber Schritte aufeinander zuzumachen ist das, was die SPD braucht. Und nicht der aggressive Ton, den ich in den Kommentaren zu meiner Entscheidung erlebt habe.

Frage: Mit der Parteiführung gehen die Genossen traditionell besonders gnadenlos um. Nach Ihnen wurde Andrea Nahles aus dem Amt gemobbt.

Schulz: Frau Nahles hat wie andere Vorsitzende vor ihr vor allem darunter gelitten, dass die SPD zu einer Drei-Botschaften-Partei geworden ist. Da gibt es die offizielle Linie, die ein Parteitag oder ein Vorstandsbeschluss festgelegt. Das ist die erste Botschaft. Sobald diese Entscheidung gefallen ist, meldet sich prompt ein Drittel der SPD lautstark mit der Botschaft zu Wort, die Beschlüsse gingen nicht weit genug. Worauf ein weiteres Drittel verkündet, alles gehe viel zu weit. Mit drei widersprüchlichen Botschaften und einer permanenten inneren Unzufriedenheit kann man aber niemanden überzeugen und erst recht keine Wahl gewinnen.

Frage: Die SPD an sich ist also nicht aus der Zeit gefallen, der Umgang der Sozialdemokraten untereinander ist dann das eigentliche Problem?

Schulz: Es ist eines unserer Hauptprobleme. Nur wenn wir geschlossen auftreten, können wir unsere volle Stärke entwickeln. Die SPD ist eine Partei, die deshalb 156 Jahren existiert, weil sie eine Kernbotschaft hat, die immer aktuell bleibt: Verkürzt ist unser Programm seit jeher der Kampf für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die Idee der Solidargemeinschaft, "Menschen für Menschen", basiert auf der Achtung der individuellen Menschenwürde und dem gegenseitigen Respekt. Die SPD hat sich nie den Zeitgeistströmungen unterworfen, im Gegenteil. Es mag sein, dass wir nicht die hipsten sind. Wir haben auch keine blaugefärbten Haare. Ich jedenfalls nicht. Aber ich habe einen Wertekanon, der mehr denn je wichtig ist für die Gesellschaft – und zu dem stehe ich. Wenn man den geschlossen vertritt, dann gewinnt man auch Vertrauen. In einer Zeit, in der die Gesellschaft auseinanderfällt, in der sich Vereinzelung und Hass breit machen, sind unsere Werte und unsere Programmatik wichtiger denn je.