ZEIT ONLINE: Der SPD-interne Wahlkampf war auch einer der Underdogs gegen das "Establishment". Die neuen Parteichefs haben die Medien für ihre Berichterstattung kritisiert. Erleben wir erste trumpsche Auswüchse in Deutschland?

Schulz: Ich habe das schon vor der zweiten Wahlrunde in einer Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion thematisiert: Es gibt Kollegen, die für die große Koalition sind oder für andere Kandidaten, die mir sagen: "Ich habe Angst, meine Meinung zu sagen. Ich fühle mich eingeschüchtert." Ich finde: Das geht nicht, dass wir so eine Atmosphäre in der Partei schaffen.

ZEIT ONLINE: So kämpft man eben gegen das "Establishment", oder?

Schulz: Ich habe das mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Dass jemand, der Mitglied des Deutschen Bundestags ist, als Basisbewegung gegen das Establishment betrachtet wird. Oder jemand, der sieben Jahre Finanzminister in Nordrhein-Westfalen, Pressesprecher von Johannes Rau und Staatssekretär in zwei verschiedenen Bundesländern gewesen ist. Ich finde es überhaupt völlig falsch Menschen dafür zu kritisieren, dass sie sich in bestimmten Bereichen hochgearbeitet haben und an entscheidenden Stellen Verantwortung tragen. Das lenkt von der wichtigen Debatte ab, was genau nicht gut läuft, sondern lenkt den Fokus nur auf scheinbare Sündenböcke.

ZEIT ONLINE: Aber es hat funktioniert.

Schulz: Dass diese Reduktion der politischen Debatte – die da oben, gegen wir hier unten – funktioniert, ist ein Alarmzeichen. Gleichzeitig sagen viele Genossen: Das kann doch nicht sein. Wie gehen wir eigentlich miteinander um? Das ist auch einer der Gründe für die niedrige Wahlbeteiligung.

ZEIT ONLINE: Stand die SPD 2019 vor einer Spaltung?

Schulz: Nein, das stand sie nie.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über die Europapolitik sprechen, die ja eigentlich das Markenzeichen der Bundesregierung werden sollte: "Ein neuer Aufbruch für Europa", so war der Koalitionsvertrag 2018 überschrieben. Sie haben ihn mit Angela Merkel ausgehandelt. Aber vom Aufbruch ist wenig zu spüren. Der französische Präsident Macron wartet immer noch auf eine deutsche Antwort auf seine Reformvorschläge.

Schulz: Das ist tatsächlich nicht akzeptabel. Da muss mehr geschehen. Ich hoffe, dass die deutsche Ratspräsidentschaft 2020 uns ermutigt. Olaf Scholz geht jetzt bei der Digitalsteuer und Finanztransaktionssteuer ein Stück voran. Da muss er weitermachen. Und da hat er mit dem französischen Finanzminister Bruno Le Maire einen guten Partner. Deutschland und Frankreich machen fast 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Eurozone aus. Wenn diese beiden Staaten sagen: Wir machen das!, dann springen die Regierung in Madrid und Lissabon sofort auf, auch die neue Regierung in Rom. Wir müssen dieses Thema in der zweiten Hälfte dieser Wahlperiode viel ernster nehmen als bisher.

ZEIT ONLINE: Aber warum hat die SPD nicht auf Macron geantwortet?

Schulz: Weil wir das schon in den Koalitionsvertrag reingeschrieben hatten. Das Europakapitel ist die Antwort auf Macron. Deshalb habe ich habe darauf gedrängt, dass das Europakapitel an die erste Stelle kommt. Dort sprechen wir von einem Europäischen Finanzminister, einer Vertiefung der Eurozone, einer gemeinsamen Investitionspolitik. All das könnte jetzt zum Tragen kommen, im Rahmen der Verhandlung über den mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union.

ZEIT ONLINE: Aber die SPD stellt doch den Außenminister! Woher rührt die bisherige Zurückhaltung, was die EU angeht?

Schulz: Heiko Maas wird ganz sicher jetzt die Chance nutzen, im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft die notwendigen Antworten zu definieren. Eine große Problematik der deutschen EU-Politik ist, dass die Kooperation mit Frankreich über das Bundeskanzleramt läuft und Angela Merkel einfach zu zögerlich ist.