ZEIT ONLINE: Waren die Jahre unter Kanzlerin Merkel für Europa eine Enttäuschung?

Schulz: Es ist ambivalent, wie immer bei Angela Merkel. Es ist sicher ihr großer Verdienst, dass sie in der Finanzkrise nach 2008 mit Peer Steinbrück sowohl national als auch auf europäischer Ebene das Richtige getan hat. Auch ihr "Wir schaffen das" wird dauerhaft in Erinnerung bleiben. Auch jedoch, dass nach diesem Satz das notwendige innen- wie außenpolitische Engagement fehlte. Auch in vielen anderen Bereichen hätte ich mir ein engagierteres Auftreten von ihr gewünscht. Frau Merkel wird in Erinnerung bleiben als eine Frau, die relativ perfekt im Alltagsmanagement der Politik ist. Sie ist aber, was die Langzeitperspektiven und die Ausrichtung angeht, die man braucht in solchen Strukturen wie der EU, nie konsequent vorangegangen.

ZEIT ONLINE: Im europäischen Ausland wird die Kanzlerin oft bewundert, für ihren Pragmatismus und die kaum vorhandene Eitelkeit.

Schulz: Man muss zugeben, dass Angela Merkel eine sehr uneitle Person ist und keine Starallüren hat. Zumindest zeigt sie keine. Die Frau hat einen eisernen Willen und eine wirklich eiserne Konstitution. Sie verliert fast nie die Contenance. Und sie ist eine sehr beherrschte Person. Wenn du Johnson siehst, Trump, Bolsonaro oder Salvini – und daneben Angela Merkel: Da hast du natürlich das Gefühl einer in sich ruhenden Persönlichkeit, die genau weiß, was sie tut. Ich glaube, das ist das große Faszinosum, das von dieser Frau ausgeht. Aber das ist Außendarstellung. Das hat mit den Inhalten ihrer Politik relativ wenig zu tun.

ZEIT ONLINE: Was wäre Ihre Antwort auf die Krise Europas?

Schulz: Europa ist eine Kombination aus pragmatischer Vernunft und Gefühl. Und als Politiker brauchst du eins: Mut. Wir sprechen zu oft über die Technik der Gesetzgebung. Aber wir müssen über die entscheidende Frage reden: ob die EU und ihre Mitgliedsstaaten auf Dauer mit China und den USA konkurrieren können. Werden wir zum Spielball der Interessen Pekings und Washingtons oder entwickeln wir eigene wirtschaftliche Kraft und verteidigen unser Demokratiemodell? Man muss irgendwann den Mut aufbringen, um den Völkern in Europa zu sagen: Ja, genau darum geht's.

ZEIT ONLINE: So hat es ihr Freund Macron gemacht: Er hat eine Reform vorgeschlagen, auf die allerdings keiner antwortet. Und aus machtpolitischen Interessen hat er verhindert, dass einer der Spitzenkandidaten aus dem Wahlkampf Kommissionschef wurde. Handelt so ein großer Europäer?

Schulz: Das war ein Grenzfall, das gebe ich zu. Macron wittert, wenn er Einfluss nehmen kann, um seine Konzepte umzusetzen. Aber die deutsche Kanzlerin hätte auch anders reagieren können. Sie hätte zu Macron sagen können: Dein Schreddern der Sozialisten und der Gaullisten kannst du in Frankreich machen, aber wenn du es auf europäischer Ebene versuchst, scheitert das an mir. Manfred Weber ist mein Favorit. Und mit Sicherheit wird nur ein Spitzenkandidat Kommissionspräsident. Das hat sie aber augenscheinlich nicht getan. Allerdings hat sich auch das Europaparlament hier nicht mit Ruhm bekleckert.

ZEIT ONLINE: Neue EU-Kommissionschefin wurde stattdessen Ursula von der Leyen. Wie fanden Sie ihren Start? Sie setzt sich für mehr Klimaschutz und Emanzipation ein. 

Schulz: Das finde ich alles gut.

ZEIT ONLINE: Wie sieht man sie in Brüssel?

Schulz: Am Anfang skeptisch. Sie hat bei ihrer eigenen Nominierung nur ein knappes Ergebnis bekommen. Trotzdem gibt es eine große Bereitschaft, sie zu unterstützen. Ich würde ihr raten, das Parlament als Partner zu sehen und nicht primär die Mitgliedsstaaten, die vor allem ihre eigenen Interessen verteidigen.

ZEIT ONLINE: Welche Akzente sollte Deutschland bei der Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 setzen?

Schulz: Von der deutschen Ratspräsidentschaft erwartet jeder, dass sie politisch führt. Es stehen vor allem die Verhandlungen für den neuen Finanzrahmen an. Die Kroaten, die im ersten Halbjahr den Vorsitz übernehmen, haben schon erklärt, dass sie nicht die Kraft haben, für 27 Mitgliedsländer parallel zum Brexit den Finanzrahmen für sieben Jahre über eine Billion Euro zu verhandeln. Diese komplizierte Arbeit muss Deutschland leisten und den EU-Haushalt zu einem echten Innovationsmotor machen.

ZEIT ONLINE: Das bleibt also an der Bundesregierung hängen?

Schulz: Merkel hat alles versucht, das zu verhindern. Sie weiß genau, dass die Bundesrepublik mehr Geld auf den Tisch legen muss, damit eine Einigung erzielt werden kann. Sagen wir mal etliche Milliarden Euro mehr im Bundeshaushalt, und zwar jedes Jahr in den nächsten sieben Jahren. Und das ist ihr natürlich unangenehm.

ZEIT ONLINE: Warum ist es eigentlich wichtig, dass Deutschland während der Ratspräsidentschaft eine stabile Regierung hat?

Schulz: Das ist sehr wichtig. Eine Minderheitsregierung wird das nicht stemmen können. Was passiert nämlich, wenn du keine stabile Mehrheit im Parlament hast? Du wirst erpressbar. Jede Partei sagt dann, ich stimme zu, aber nur, wenn ich dies oder jenes bekomme. Die FDP will ihre Unternehmenssteuerreform. Die SPD will bei der Rentenreform noch ein bisschen oben drauf haben. Da bist du ohne Regierungsmehrheit am Ende. Ich bin sowieso gegen eine Minderheitsregierung und erst recht während der Ratspräsidentschaft. Ich glaube, dass es verantwortungslos wäre von uns, die Regierung während der deutschen Ratspräsidentschaft zu stürzen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Grund, warum wir uns auf die EU-Ratspräsidentschaft freuen sollten?

Schulz: Ja klar: Wir können die Initiative ergreifen und vieles gestalten und antreiben. Ein Beispiel: Wenn wir Frau von der Leyen unterstützen wollen, würde ich als deutscher Ratspräsident sagen: Wir werden in jedem Freihandelsabkommen der EU verlangen, dass die von uns definierten Ziele beim Klimaschutz von unseren Handelspartnern eingehalten werden müssen. Sonst kriegen sie keinen Zugang zum europäischen Markt. So würde die Macht des europäischen Binnenmarktes als starkes Druckmittel für mehr Klimaschutz weltweit eingesetzt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie drei Wünsche für 2020?

Schulz: Keine Interviews mit ZEIT ONLINE mehr. (lacht)

ZEIT ONLINE: Politische Wünsche meinen wir.

Schulz: Politisch hoffe ich, dass die drei Parteien, die die Bundesregierung tragen, sie wirklich unterstützen. Hört auf euch mit euch selbst zu beschäftigen, möchte man ihnen zurufen. In Europa hoffe ich, dass der Vormarsch der Populisten nicht nur bei der Europawahl gebremst wurde. Ein ermutigendes Zeichen war für mich zuletzt die Sardinen-Bewegung in Italien. Eine Volksbewegung gegen die Rechten, die etwas bewirkt. Junge spontane Leute, die unsere plurale Demokratie verteidigen: Das finde ich super. Ich hoffe, dass das 2020 mehr Nachahmer findet. Und als Drittes wünsche ich mir, dass es Trump nicht gelingt, das demokratische System der USA so zu unterminieren, dass es dauerhaft beschädigt wird.

ZEIT ONLINE: Wir bitten Sie noch um kurze Prognosen für 2020. Bitte antworten Sie nur mit Ja oder Nein. Erste Prognose: Hält die große Koalition?

Schulz: Ja.

ZEIT ONLINE: Gibt es nächstes Jahr wieder ein Wechsel an der SPD-Spitze?

Schulz: Nein.

ZEIT ONLINE: Wird Trump wiedergewählt?

Schulz: Ja.

ZEIT ONLINE: Gewinnen die Grünen Hamburg?

Schulz: Nein! Wir, die SPD.

ZEIT ONLINE: Wird Annegret Kramp-Karrenbauer Kanzlerkandidatin der Union?

Schulz: Eher ja.

ZEIT ONLINE: Wird Habeck Kanzlerkandidat der Grünen?

Schulz: Ja.

ZEIT ONLINE: Überholt die SPD die Grünen wieder in den Umfragen?

Schulz: Ja.

ZEIT ONLINE: 2020 finden in der EU und in Deutschland nur wenige Wahlen statt. Liegt darin auch eine Chance für die Demokratie?

Schulz: Ja, mal durchatmen zu können, ist wichtig. Aber ob Wahlen stattfinden, kann man vorher nie wissen.