ZEIT ONLINE: Sind Sie froh, dass 2019 bald vorbei ist? 

Martin Schulz: Offen gestanden ja.

ZEIT ONLINE: War 2019 ein besonders schlechtes Jahr?

Schulz: Für meine Partei sicher. Auch für Europa. Ich fürchte, 2019 wird nicht als gutes Jahr in Erinnerung bleiben.

ZEIT ONLINE: Was war so schlimm?

Schulz: Der Rücktritt von Andrea Nahles war für die SPD schwer. Auf europäischer Ebene wird der gescheiterte Spitzenkandidatenprozess nach der EU-Wahl nachwirken. Und global haben wir 2019 einen Siegeszug autoritärer Strukturen erlebt. Xi Jinping steht für die Rückkehr zur Ein-Mann-Führung in China. Wladimir Putin ist mit einem unberechenbaren Zynismus unterwegs, und in den USA versucht ein autoritär denkender Präsident das Checks-and-Balances-System, ein Kernelement der amerikanischen Verfassung, zu unterminieren.

ZEIT ONLINE: Ganz schön düster. Gab es 2019 auch Gutes?

Schulz: Die Tatsache, dass sich Matteo Salvini in Italien nicht durchgesetzt hat. Und dass die Fünf-Sterne-Bewegung bewiesen hat, dass sie Verantwortung für ihr Land übernimmt. Und in Österreich haben wir die Demaskierung eines angeblichen Anführers des einfachen Volkes erlebt: Der FPÖ-Chef Strache, Vizekanzler der Republik, hat sich als jemand entpuppt, der sich des Staates bemächtigen will, um ihn zu verhökern.

ZEIT ONLINE: Und national? Fällt Ihnen da auch etwas Positives ein?

Schulz: Hier haben wir eine paradoxe Situation. Wir haben eine Bundesregierung, die eigentlich gut arbeitet. Aber wir haben zwei Regierungsparteien, die nichts anderes tun, als sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das führt zu Unzufriedenheit.

ZEIT ONLINE: Ein Gerücht von 2019 besagt, dass Sie Fraktionschef werden und Andrea Nahles ablösen wollten. Ist da etwas dran?

Schulz: Ich hatte Andrea Nahles in einem Vieraugengespräch gesagt, dass ich aus privaten Gründen für kein Amt in Berlin kandidiere. Damit war die Sache für mich erledigt, zumal mein Verhältnis zu ihr gut war. Die Koalitionsverhandlungen wurden von ihr und mir gemeinsam geführt. Wir haben 70 Prozent des Wahlprogramms in das Regierungsprogramm bekommen. Es lief gut, bis zu dem Tag, an dem Hans-Georg Maaßen mit unserer Zustimmung Staatssekretär werden sollte. Das hat sie zurücknehmen müssen. Aber ich kenne das, wenn man in einem Tunnel drin ist: Dann machst du Fehler.

ZEIT ONLINE: Das, was viele Sozialdemokraten deutlich mehr beschäftigt, sind nicht Nahles' Fehler, sondern die fehlende Solidarität in der Partei.

Schulz: Wenn Leute auf Parteitagen sagen: Wir dürfen nicht niederträchtig miteinander umgehen, dann schaue ich mir immer genau an, wer das gerade sagt. Und denke bei manchen: Was ich mit denen schon erlebt habe. Aber, ach, dazu sage ich vielleicht etwas in meinen Memoiren.

ZEIT ONLINE: Was lässt Sie hoffen, dass das Jahr 2020 nicht in einem endlosen innerparteilichen Machtkampf mündet?

Schulz: Ich glaube, viele in unserer Partei haben kapiert, dass wir vom Grundsatz her etwas verändern müssen. Die Partei hat ein Mentalitätsproblem: der mangelnde Stolz auf das Erreichte und das übertriebene Lamentieren über das Nichterreichte. So hat es ein Kommentator richtig beschrieben. Mein Eindruck ist aber, dass es inzwischen einen Willen gibt, die Regierung zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Ist Saskia Esken die politische Gewinnerin des Jahres 2019?

Schulz: Ich glaube nicht. Warum sollte sie das sein?

ZEIT ONLINE: Sie ist jetzt eine deutsche Spitzenpolitikerin. Vor einem Jahr kannte sie kaum jemand.

Schulz: Kann sein! Sie hat eine extrem schwere Aufgabe übernommen.

ZEIT ONLINE: Sie haben für Olaf Scholz geworben, wollen jetzt aber die neue Parteiführung unterstützen. Ist das glaubhaft?

Schulz: Norbert Walter-Borjans ist ein jahrzehntelanger Bekannter von mir. Nach seiner Wahl habe ich ihm geschrieben, dass ich als sein Vorvorgänger weiß, was auf ihn zukommt. Ein SPD-Chef kann leider nicht selbstverständlich erwarten, dass er von allen unterstützt wird. Das ist meine Erfahrung. Und ich möchte, dass ihm diese Erfahrung erspart bleibt. Deshalb habe ich ihm gesagt: Auf mich kannst du zählen. Wenn du das willst.

ZEIT ONLINE: Bei den Nachverhandlungen mit der Union: Reichen kleinere Kompromisse etwa bei Mindestlohn oder Investitionen? Die neuen Vorsitzenden sind ja mit dem Anspruch angetreten, alles ganz anders zu machen.

Schulz: Politik ist ein dynamischer Prozess. Als ich Parteivorsitzender wurde, hatte ich vieles im Kopf, was ich anders machen wollte. Bald stellt man dann aber fest: Du bist nicht allein. Eine neue Parteiführung kann nicht hingehen und sagen: Wir sind jetzt da, und alle anderen haben die Klappe zu halten. So funktioniert das nicht. Außerdem muss sich die neue Parteiführung im Klaren sein: Es gibt eine von 66 Prozent der SPD-Mitglieder bejahte Koalition. Aus dieser ohne Not auszutreten, hat auch unser Parteitag mit breiter Mehrheit abgelehnt. Und: 80 Prozent der Deutschen sind gegen Neuwahlen. Wenn du dann als neue SPD-Spitze sagst: Ist mir doch egal, ich breche jetzt die Koalition und führe Neuwahlen herbei, glaubst du ernsthaft, die 80 Prozent belohnen dich dafür? Deshalb sagt die Parteiführung, was im Prinzip richtig ist: Wir streben eine andere Art der Politik an. Aber wir stehen zur Koalition.