Die Forderung von Grünenchef Robert Habeck, Kinder aus den überfüllten griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland zu holen, wird intensiv diskutiert. Politiker verschiedener Parteien sind sich uneinig. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag von Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, bezeichnete den Streit als "berechtigte Debatte über europäische Humanität". Zumindest die allein gebliebenen Kinder und Jugendlichen aus den katastrophalen Zuständen in den Flüchtlingslagern zu befreien, "wäre jedenfalls eher mit der Weihnachtsgeschichte vereinbar als der Kommerz", schrieb Stegner auf Twitter.

Das Bundesinnenministerium hingegen sprach sich erneut gegen einen deutschen Alleingang aus. "Wir setzen nicht auf eine nationale Lösung, sondern wir setzen auf eine europäische Lösung", sagte Innenstaatssekretär Helmut Teichmann im ARD-Morgenmagazin. Er sei optimistisch, dass dies kommendes Jahr gelinge.

Auch die Bundesregierung hat sich Habecks Vorschlag gegenüber ablehnend geäußert. "Wir suchen für die Zukunft nach einer europäischen Lösung", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. "Deutschland kann das nicht im Alleingang." Indessen präzisierte eine Parteisprecherin der Grünen die Initiative des Vorsitzenden: Es gehe nicht darum, auf einen Schlag alle betroffenen Minderjährigen aus den Lagern zu holen. Es gehe vielmehr um die "jüngsten und schwächsten", Habeck habe vor allem unbegleitete Kinder und Jugendliche im Blick.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, unterstützt Habecks Forderung. "Wenn die Regierungen dort es nicht schaffen, Zustände herzustellen, in denen die Menschen in Würde leben können, dann sollten alle zusammen helfen", sagte er im Bayerischen Rundfunk. Es sei Zeit, humanitäre Zeichen zu setzen.

Für den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, wäre die Aufnahme von Kindern und anderen Migranten eine notwendige Übergangslösung. Die Situation vor Ort sei aussichts- und hoffnungslos, sagte er im SWR-Tagesgespräch. Ein Land allein sei zwar kaum in der Lage, in großem Umfang zu helfen, aber angesichts der dramatischen Situation wäre das ein "mutiges Zeichen der Solidarität, der Humanität", sagte Neher.

"Die FDP-Äußerungen zeugen von Inkompetenz und mangelndem Wissen"

Habeck hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Bundesregierung aufgefordert, bis zu 4.000 Kinder von den griechischen Inseln zu holen – auch ohne europäischen Konsens. "Es ist ein Gebot der Humanität, da schnell zu helfen." Auf den Inseln im Osten der Ägäis sind nach griechischen Angaben etwa 40.000 Menschen untergebracht, obwohl nur Platz für rund 7.500 Menschen ist.

Bereits am Sonntag haben sich vor allem Politikerinnen und Politiker von Union und FDP gegen den Vorschlag Habecks gestellt. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg sagte der Welt eine "PR-Aktion kurz vor Weihnachten hilft nicht, das Fluchtproblem verantwortungsvoll zu lösen". Bei der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl stieß diese Reaktionen auf Empörung. "Die FDP-Äußerungen zeugen von Inkompetenz und mangelndem Wissen", sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt mit Blick auf die Zustände in den griechischen Lagern.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat sich im November nach einem Besuch eines Lagers auf der griechischen Insel Lesbos dafür ausgesprochen, "nicht Tausende, aber einige Hundert" der dort lebenden Kinder nach Deutschland zu holen.