Wenn es um den Umgang mit dem rechten Rand geht, ist die CDU in Sachsen-Anhalt plötzlich ganz schön liberal. Jugendsünden müsse man doch bitte verzeihen, wenn sich die betreffende Person glaubhaft davon distanziere, argumentiert im Fall Robert Möritz sinngemäß der CDU-Landesverband. Generalsekretär Sven Schulze forderte im rbb Inforadio für solche Fälle eine zweite Chance im Leben.

Das ist grundsätzlich aller Ehren wert und durchaus plausibel. Im konkreten Fall von Möritz zieht das Argument aber nicht.

Zunächst: Die Vorwürfe gegen Möritz wiegen schwer. Am 1. Mai 2011 war er – zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt – als Ordner auf einer Neonazidemo unterwegs. Außerdem gehörte er bis vor wenigen Tagen dem mutmaßlich rechtsextremen Verein Uniter an. Und dann ist da noch die sogenannte Schwarzen Sonne, die sich Möritz auf seinen Arm tätowieren ließ: eine Abbildung aus mehreren übereinanderliegenden Hakenkreuzen, die bei Rechtsextremen beliebt ist.

Das alles ist ziemlich eindeutig. Und doch könnte man der Argumentation der CDU in Sachsen-Anhalt sogar folgen, wenn Möritz sich denn wie behauptet von seiner früheren Gesinnung distanziert hätte. Doch hat er das?

Tatsächlich ist es bereits neun Jahre her, dass Möritz als Ordner auf einer Neonazidemo auftrat. Als junger Mensch kann man sich schon mal verirren. Möritz argumentiert, dass ihn "falsche Loyalitäten" in diese Situation gebracht hätten. Er sei noch nicht gefestigt gewesen. Geschenkt.

Das Tattoo aber widerspricht der Erzählung von einem inneren Wandel. Warum ließ Möritz es nicht entfernen? Schwer vorstellbar, dass ein Mensch, der ernsthaft mit einer Ideologie gebrochen hat, weiter ein Zeichen dieser Ideologie auf seinem Körper (er)tragen kann.

Und warum ist Möritz erst jetzt, nach öffentlichem Druck, aus Uniter ausgetreten? Dem Netzwerk aus aktiven und ehemaligen Sicherheitskräften gehörte auch der wegen Rechtsterrorismus angeklagte Soldat Franco A. an. Zudem steht Uniter in Verbindung mit der sogenannten Hannibal-Gruppe, die laut Recherchen der taz an einem Tag X politische Gegner ausschalten wollte. Keine Gesellschaft für geläuterte Ex-Neonazis.

Joschka Fischer war klarer, Holger Friedrich nicht

Diesen Fakten steht ein bloßes Bekenntnis gegenüber: Möritz hat seinem Kreisverband erklärt, dass er sich von seinen früheren Irrwegen losgesagt habe. Für die CDU in Sachsen-Anhalt ist das ausreichend. Mit Blick darauf, dass Möritz nicht oder erst auf Druck handelte, muss man sagen: Das reicht nicht, eigentlich müsste sein Kreisverband ihn ausschließen. Dass der Landesverband nun auch noch eine Entschuldigung von den Grünen für Kritik am Umgang mit dem Fall fordert und dadurch kurzzeitig sogar die Kenia-Koalition gefährdet war, ist absurd. Gleiches gilt für Landeschef Holger Stahlknecht und Ministerpräsident Reiner Haseloff, die sich einfach hinter dem Votum des zuständigen Kreisverbandes verstecken.

Zugegeben: Es existiert einiger Interpretationsspielraum bei der Frage, wann eine Distanzierung glaubwürdig ist. Allerdings ist eine Definition auch nicht so kompliziert: Die Person sollte, unabhängig von äußerem Druck, im Handeln und in ihrer Kommunikation glaubhaft gemacht haben, dass sie sich damals geirrt hat. Das war das Problem beim Berliner Verleger Holger Friedrich: Er erklärte sich erst zu seiner IM-Tätigkeit, als es nicht mehr anders ging. Ein Blick in die Vergangenheit liefert dagegen ein positiveres Beispiel: "Ich habe damals Unrecht getan, und ich habe mich dafür zu entschuldigen bei allen, die davon betroffen waren", sagte Joschka Fischer einst über seine linksextreme Vergangenheit. Ein solches öffentliches Bekenntnis von Möritz wäre ein Anfang gewesen.

Am Ende könnte man den Fall als lokale Bagatelle abtun. Was interessiert schon Kreispolitik? Doch es geht um etwas Größeres: Gerade auf kommunaler Ebene drohen rechte und rechtsextreme Ansichten immer stärker zusammenzufließen. Zumal im Osten, wo die AfD stark ist und wo rechte Kräfte auf die schleichende Revolution von unten hoffen. An Fällen wie dem von Möritz entscheidet sich in diesen Tagen, wie die politische Landschaft in Deutschland künftig aussehen wird. Die CDU spielt dabei einmal mehr keine glorreiche Rolle.