Der sächsische Landtag hat den CDU-Politiker Michael Kretschmer als Ministerpräsidenten wiedergewählt. Kretschmer bekam im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit: Er erhielt 61 von 118 abgegebenen Stimmen. 57 Abgeordnete stimmten gegen Kretschmer. Damit versagten ihm mindestens fünf Abgeordnete aus den Reihen seiner sogenannten Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD die Stimme. Da die Wahl geheim erfolgte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Abgeordnete der schwarz-grün-roten Koalition tatsächlich für Kretschmer votierten. Das Dreierbündnis verfügt zusammen über 67 Stimmen, anwesend waren 66 Abgeordnete, da eine CDU-Abgeordnete krankheitsbedingt fehlte.

Kretschmer nahm die Wahl an und wurde von Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) vor den Abgeordneten vereidigt. Im Anschluss führte der Regierungschef den gesellschaftliche Zusammenhalt als eine der großen Herausforderungen der neuen Legislaturperiode an. "Es muss uns besser gelingen, miteinander zu diskutieren", forderte Kretschmer. Es müsse aber auch widersprochen werden, wenn Unwahrheiten gesagt oder Grenzen des Anstands verletzt werden. Er wolle, dass die Sachsen "ein fröhlicher, freundlicher Freistaat sind". Ob dies gelinge, liege nur an den Menschen selbst. Am Nachmittag will Kretschmer sein Kabinett präsentieren, dann sollen auch die Minister vereidigt werden. 

Die AfD als stärkste Oppositionsfraktion teilte nach der Wahl mit, die AfD-Abgeordneten hätten Kretschmer nicht zum Ministerpräsidenten gewählt, "weil diese Koalition der Wahlverlierer den Wählerwillen mit Füßen tritt". AfD-Fraktionschef Jörg Urban sagte, die neue Landesregierung werde "von der grünen Acht-Prozent-Partei dominiert". Urban schenkte Kretschmer zur Wahl ein Buch über die Entwicklung der Autoindustrie in Sachsen, um ihn "an seine Verantwortung für das Rückgrat der sächsischen Industrie" zu erinnern.

Der Linken-Fraktionschef Rico Gebhardt schenkte Kretschmer ein Exemplar des finnischen Schulgesetzes. Gebhardt begründete dies damit, dass das längere gemeinsame Lernen eines der ersten großen Themen der Legislaturperiode sei – "und der Blick über Sachsens Grenzen hinaus lohnt sich immer". Zudem äußerte der Fraktionschef Kritik an der künftigen Koalition. Kretschmer werde "Chef eines Zwangsbündnisses sein, nicht der eines Zukunftsbündnisses"

Der CDU-Politiker Kretschmer regiert Sachsen seit zwei Jahren als Ministerpräsident. Bei der Landtagswahl am 1. September hatte seine bisherige Koalition mit der SPD nach erheblichen Stimmverlusten die Mehrheit verloren. In der neuen Legislaturperiode regiert Kretschmer nun mit SPD und Grünen. Die Spitzen der drei Parteien hatten vor der Abstimmung den 133 Seiten umfassenden Vertrag über die dritte Kenia-Koalition in Deutschland unterzeichnet. Er steht unter dem Slogan "Gemeinsam für Sachsen". Im Untertitel heißt es: "Erreichtes bewahren, Neues ermöglichen, Menschen verbinden".

"Wir wollen das Land zukunftsfest machen"

Kretschmer sprach von einem "guten Plan für die Zukunft", den das Bündnis nun umsetzen wolle. Auch die Grünen-Verhandlungsführerin Katja Meier bezeichnete den Vertrag als gutes Fundament. Sobald die Unterschrift trocken sei, wolle man mit der Arbeit beginnen, teilte sie mit. Es sei bei den Verhandlungen nicht nur um Inhalte gegangen, man sei sich in dieser Zeit auch nähergekommen, sagte Grünen-Fraktionschef Wolfram Günther.

Auch der SPD-Chef Martin Dulig sprach von dem Vertrag als einer guten Grundlage dafür, die Stärken der drei Parteien in die Gestaltung des Landes einzubringen. "Wir wollen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land stärken, wir wollen das Land zukunftsfest machen, wir wollen es nachhaltig weiterentwickeln. Dafür haben drei Parteien ihre Ideen eingebracht", sagte Dulig.

Nach einer Sondierungsphase hatten die drei Parteien insgesamt sechs Wochen lang Koalitionsverhandlungen geführt. Die Grünen hatten am Donnerstag als letzter der drei Partner dem Koalitionsvertrag zugestimmt. Die Parteimitglieder konnten sich an der Abstimmung beteiligen, was 59 Prozent der Mitglieder online oder per Briefwahl taten. Mit einer Zustimmung von 93,2 Prozent fiel die Zustimmung so deutlich aus wie bei der CDU, wo ein Parteitag schon in der Vorwoche bei nur wenigen Nein-Stimmen für den Koalitionsvertrag gestimmt hatte.

Bei der SPD stimmten 74 Prozent der am Votum beteiligten Parteimitglieder für das Regierungsbündnis. Nach Sachsen-Anhalt und Brandenburg ist Sachen das dritte Bundesland mit einem Regierungsbündnis dieser Art in Deutschland. Kretschmer vermeidet jedoch den Begriff "Kenia-Koalition" und spricht dagegen von einer "Sachsen-Koalition".