Es ist etwas Anrührendes daran, wenn die Liebhaber der SPD versuchen, die Wahl zweier grauer Unbekannter zu den Vorsitzenden ihrer Partei irgendwie als großen Neuanfang zu verkaufen. Könnten Nachbesserungen im Koalitionsvertrag nicht endlich dazu führen, dass die Genossen für die Errungenschaften der Bundesregierung ein wenig Anerkennung abbekommen? Und haben Politiker wie Jeremy Corbyn nicht gezeigt, dass ein Linksruck altgedienten Parteien zu neuem Leben verhelfen kann?

Das Anrührende hat natürlich mit der Naivität der von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans vorgestellten Strategie zu tun. Denn es ist denkbar unwahrscheinlich, dass Wähler der SPD wegen einiger technokratischer Änderungen einer seit sieben Jahren regierenden Koalition zu neuen Höhen verhelfen – insbesondere da die CDU größere Veränderung ohnehin verweigern wird. Auch die Vorbilder für eine Revitalisierung durch Linksruck haben sich längst verbraucht; Corbyn ist mittlerweile der unbeliebteste Oppositionsführer seit es Meinungsumfragen in Großbritannien gibt.

Aber der eigentliche Grund, warum es so skurril ist, große Hoffnungen auf Esken und Walter-Borjans zu setzen, ist schlicht, dass die beiden – übrigens ebenso wie ihre Konkurrenten, Olaf Scholz inklusive – die wirklichen Gründe für die Krise ihrer Partei ganz und gar verkennen.

Als die SPD Volkspartei war, schaffte sie es, zwei große Wählerkreise gleichzeitig an sich zu binden. Sie hatte unter Arbeitern enormen Rückhalt. Gleichzeitig war sie im liberalen Bildungsbürgertum sehr beliebt – von der Studentin über den Realschullehrer bis zur öffentlichen Angestellten und zum Theaterintendanten.

Diese bürgerlich-proletarische Koalition konnte die SPD aus zwei Gründen zusammenhalten. Erstens hatten in der Politik wirtschaftliche über gesellschaftliche Fragen Vorrang: Die einfachste Weise herauszufinden, ob jemand links oder rechts wählte, war zu fragen, ob ihm höhere Steuern und ein generöser Sozialstaat oder niedrigere Steuern und ein sparsamer Sozialstaat lieber wären. Zweitens hatten viele Arbeiter und Bildungsbürger wirtschaftlich kompatible Interessen: Beide profitierten von einem starken Staat, der sich für hohe Löhne, einen großen Sozialstaat und hohe Ausgaben in Bereichen von Bildung bis Kultur einsetzte. Selbst wenn die Interessen dieser Gruppen doch einmal auseinandergingen, war es möglich, einen Kompromiss zu schmieden, der beiden ein wenig Gutes tat – also zum Beispiel sowohl die Gehälter von Lehrern als auch die von Metallarbeitern ein wenig anhob.

Ehemalige SPD-Koalition ist tief gespalten

Diese Zeiten sind aber, ohne dass die SPD es gemerkt hat, schon lange verflossen. So wie wirtschaftliche Fragen früher die deutsche Politik dominierten, so tun es heute gesellschaftliche. Die einfachste Weise herauszufinden, ob jemand links oder rechts wählt, ist es deshalb, nach Themen wie Einwanderung oder Klimaschutz oder Feminismus zu fragen. Gibt jemand zum Beispiel an, dass bei der Einwanderung eher die Chancen vorwiegen, wählt sie wahrscheinlich eine linke Partei; denkt sie dagegen, dass die Risiken größer sind, wählt sie wohl eine rechte Partei.

Das Problem für die Sozialdemokraten ist nun, dass ihre altbewährte Koalition – oder das, was von ihr noch übrig ist – in dieser Frage zutiefst gespalten ist.

Das Proletariat ist in Bezug auf die dringlichsten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit in großer Mehrheit konservativ geprägt. Obwohl Arbeiter oft in multiethnischen Vierteln wohnen, mit vielen Menschen mit Migrationshintergrund befreundet sind oder selbst Wurzeln außerhalb Deutschlands haben, sehen sie bei der Einwanderung beträchtliche Risiken. Solange Politiker diese Risiken nicht offen und unverkorkst ansprechen, wird die SPD in diesem Milieu schlicht kein Vertrauen wiedergewinnen.

Das Bildungsbürgertum dagegen hat in den letzten Jahrzehnten zu diesen gesellschaftlichen Fragen eine immer liberalere Haltung eingenommen. So ist es an vielen deutschen Universitäten mittlerweile ein Sakrileg, bei der Einwanderung überhaupt eventuelle Risiken zu verorten. Ein Politiker, der von Nachteilen der Migration spricht, disqualifiziert sich in solchen Kreisen sofort.

Mit anderen Worten, es handelt sich bei vielen dieser gesellschaftlichen Debatten mittlerweile auf beiden Seiten um heilige Werte. Das macht Kompromisse fast unmöglich. Unter diesen Umständen ist die Kluft zwischen den beiden Teilen der alten bürgerlich-proletarischen Koalition schlicht unüberbrückbar. Das erklärt den kontinuierlichen Wählerschwund der SPD. Denn die eine, proletarische Hälfte ihrer alten Koalition geht in immer größerer Anzahl mit der AfD fremd, während die andere, bildungsbürgerliche Hälfte in immer größerer Anzahl zu den Grünen übersiedelt.