Richtig, es hat schon begeisterndere Figuren als Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken gegeben. Natürlich ist es möglich, dass der SPD unter dem neuen Duo das Schicksal der französischen Parti Socialiste oder der österreichischen SPÖ bevorsteht. Allerdings nicht, wenn es ihnen gelänge, die Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft glaubhaft zu machen. Oder endlich echte Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel zu schüren. Das sind keine Außenseiterpositionen, das ist den meisten Umfragen zufolge das, was die Mitte der Gesellschaft will. Zum Glück gibt es in der SPD noch genügend Menschen, die das verkörpern könnten. Seiteneinsteigerinnen wie Sawsan Chebli oder Franziska Giffey – Menschen, die an politischen und sozialen Brennpunkten der Gesellschaft geprägt wurden und diese Prägung in eine glaubwürdige Sprache umsetzen.

Es müsste Walter-Borjans und Esken gelingen, sich von dem zu befreien, was man im Englischen "thinking in the box" nennt. Nichts würde das Gefühl von Aufbruch nachhaltiger abtöten als zwei SPD-Chefs, die nach durchverhandelter Nacht im Kanzleramt verkünden, dass man der Union nullkommazwo zusätzliche Prozent irgendeiner Sozialleistung abgetrotzt hat. Es geht jetzt nicht in erster Linie um die Frage, wann genau die große Koalition endet. Es geht darum, endlich wieder politische Fantasien zu erzeugen, die die Menschen derart faszinieren, dass sie dafür auf die Straße gehen. 

So unfertig etwa der Berliner Mietendeckel ist: Er hat gezeigt, wie so etwas gehen kann. Für Monate schaffte er in der Hauptstadt ein linkes politisches Momentum. Er reanimierte die schon fast undenkbar gewordene Vorstellung einer Millionenstadt, in deren Zentrum sich jeder, auch die Einkommensschwachen, Wohnen wieder leisten kann. Walter-Borjans und Esken müssen wieder mehr solcher Vorstellungen kreieren, die unerwartete gedankliche Räume eröffnen. Was wäre so abwegig daran, sich vorzunehmen, dass es in 20 Jahren in Deutschland keine Unterschicht mehr gibt? Keine städtischen Ghettos und keine der so viel bedauerten abgehängten ländlichen Räume?

Als sich die SPD aus ihrem Grab erhob

Es gab diesen einen Moment, in dem sich die SPD aus ihrem Grab erhob. Das war 2017, als die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz bekannt wurde. Ganz kurz glimmte da der Traum auf, dass es jemanden gab, dem es gelingen könnte, die losen Enden einer neuen linken gesellschaftlichen Koalition zusammenzubinden: sozial Prekäre, Arbeiterinnen und Angestellte mit Rentensorgen, Deutsche mit ausländischen Wurzeln, linke Studentinnen, Europabegeisterte, Klimabewusste, Akademiker mit Gerechtigkeitssinn. Wie viel Prozent der Bevölkerung mögen sie zusammen ausmachen? 40? 50? 60?

Schon klar, so statisch lässt sich das nicht zusammenzählen. Und trotzdem: Viele eint die Hoffnung auf eine linke Regierung. Aber es ist immer noch die Union, die entscheidet, welcher linke Traum wann umgesetzt wird. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass es die SPD seit Jahrzehnten versäumt, ein rot-rot-grünes oder auch grün-rot-rotes Bündnis politisch, personell und intellektuell vorzubereiten. Es wäre die Aufgabe der Sozialdemokratie, die gedankliche Vorarbeit zu leisten, damit wieder so etwas wie linke Hoffnung entsteht. Die neuen Parteichefs müssen keine politischen Lichtgestalten wie Barack Obama sein. Aber sie müssen ein glaubhaftes und funktionales Umfeld für eine wirklich überzeugende Kanzlerkandidatin schaffen. (Ein wirklich überzeugender Kandidat ginge auch.)

Nein, die SPD ist nicht tot. Das sah man am Samstag nach der Wahlentscheidung schon daran, wie mühelos es der Partei gelang, die gleichzeitig parteitagende AfD aus den Timelines der sozialen Medien zu verdrängen. Das zeigt: Die SPD kann die Menschen sehr wohl noch bewegen, sie kann sie wütend machen, zur Verzweiflung bringen und manchmal Hoffnung säen. Noch immer ist dieser Tanker die einzige reale Hoffnung auf eine Politik der frischen Luft. Eine Politik, die nicht immer weiter nach rechts drängt, sondern die die große linke Mitte anspricht. Ist es nach Jahren der Empathie mit rechten Wählern nicht Zeit, diesen Leuten mal ein konkretes Angebot zu machen, das über das hinausgeht, was die Union akzeptabel findet? Es ist für die SPD jedenfalls nie ein schlechtes Zeichen, wenn Christian Lindner baff ist.