Wurden die 15 Seiten in Softlan getaucht? Lag es an einer Überdosis Flora Soft zum Frühstück? Oder gab es bei den Beratungen über den Leitantrag in den Führungsgremien zu viel Weichkäse? Es gibt Dinge, die sich im Nachhinein nur schwer klären lassen, doch als der Leitantrag für den SPD-Parteitag zwischen dem bisherigen Partei-Establishment und der neuen Doppelspitze ausverhandelt, vorgestellt und von den rund 650 Delegierten verabschiedet war, staunte man nicht schlecht: So windelweiche "harte Bedingungen" hat die sozialdemokratische Welt bis dato nicht gesehen.

Was vorher konkret war, war nun schwammig. Was gefordert worden ist, wurde nun vorgeschlagen. "Nachverhandlungen" hießen nun "Gespräche". Und was wie eine kerzengerade rote Linie aussah, die man besser nicht überschreiten sollte, war nun ein undefinierbarer Bereich, in dem man fortan ein wenig herumirren darf.

12 Euro Mindestlohn, 500 Milliarden Euro Investitionen in 10 Jahren, wirksame Nachbesserungen beim Klimaschutz? Aufgelöst im Ungefähren. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans? Eingehegt durch die Groko-Befürworter. Der Anti-Groko-Furor, der die beiden Außenseiter an die Spitze der SPD getragen hat? Rückstandslos verpufft in den weiten Hallen des Berliner CityCubes. Und die Jusos, die diesen Furor wie niemand anders sonst entfacht haben? Lammfromm, kreuzbrav und begeistert klatschend, wenn ihr Held Kevin Kühnert vor dem großen Knall, dem sofortigen Ausstieg aus der großen Koalition, warnt. Die Kinder fressen ihre Revolution.

Wie geht es jetzt weiter? Ein bisschen zynisch könnte man fragen: Wird die Union die Bedingungen, die die SPD auf ihrem Parteitag gar nicht gestellt hat, erfüllen? Die Antwort ist nicht so einfach, wie man vermuten könnte. Denn nicht nur die SPD muss die Illusion nähren, sie habe der Union sozialdemokratische Zumutungen vor das Konrad-Adenauer-Haus geknallt, in denen ein entschiedenes "Kein Weiter so!" steckt – die Union muss das auch. Denn auch sie steht unter Profilierungsdruck. Miese Wahl- und Umfrageergebnisse drängen sie ebenso zu dem, was man so gern "klare Kante" nennt, wie das andauernde Gemurre an ihrer Basis, den Sozis sei man ohnehin schon viel zu weit entgegengekommen. CDU und CSU müssen daher nun erst mal entschieden zurückweisen, was sie halbwegs lässig durchwinken könnten.

Bis der Profilierungsdruck sich verselbstständigt

In diesem Illusionskampf steckt allerdings eine reale Gefahr. Beide Seiten könnten so lange über diese eingebildeten Zumutungen streiten, bis aus der Illusion eines Kampfs ein sehr realer wird. Nicht an den Bedingungen der SPD würde die Groko dann scheitern, sondern an einem Profilierungsdruck, der sich verselbstständigt.

Ein Groko-Aus aus Versehen.

Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes. Aus den Gesprächen, die ja nicht Verhandlungen heißen dürfen, kommt die SPD mit wenig Jetzigem, aber ganz viel Künftigem heraus. Die 12 Euro Mindestlohn und die 500 Milliarden Euro Investitionen werden ebenso fehlen wie die großen Nachbesserungen beim Klimaschutz, aber ein bisschen hier und ein wenig da wird es schon geben. Die To-do-Liste der Groko wird dann zwar nicht wesentlich größer sein, das Munitionslager für den Wahlkampf 2021 aber deutlich voller. Wir haben die Defizite festgestellt – und machen daraus eine durchschlagskräftige Kampagne: Mit diesem Versprechen würden dann Esken und Walter-Borjans, die namentlich schon zu Eskabo verschmolzen sind, vor ihre Anhänger treten. Und die vielen anderen in der SPD. Die Frage ist dann nur: Wann beginnt dieser Wahlkampf? Wie geplant im Herbst 2021 – oder sofort?

Viel rausholen, wo nur ganz wenig drinsteckt

Kühnert, der Königsmacher des neuen Spitzenduos, hat Esken und Walter-Borjans, verkleidet als Lob, eine schwere Bürde mit auf den Weg in die Gespräche mit der Union gegeben. Er habe vor zwei Jahren an gleicher Stelle viel über Vertrauen geredet. Er vertraue den beiden frisch Gewählten. Und zwar darauf, dass sie "genau wissen, mit welcher Botschaft" sie gewählt worden seien: "Ein Weiter-so darf es nicht geben." Im Klartext heißt das: Es liegt jetzt an euch, ganz viel rauszuholen, wo nur ganz wenig drinsteckt. Schafft ihr das nicht, dann hat das mit mir nichts zu tun.

Und wann kommt er nun, der nächste Wahlkampf? Erlebt man das latente Phlegma auf diesem Parteitag, kann man nicht glauben, dass sich die SPD noch einmal zu Entschiedenheit aufraffen kann. Die Groko wird wohl nicht im Winter 2019/20 mit einem Knall enden. Sondern im Herbst 2021 mit einem Wimmern.