Vorn auf der Bühne dankt die neue Doppelspitze der SPD gerade Manuela Schwesig für ihre Arbeit als Parteivizin und überhaupt für alles, was "die Manu" je getan oder gesagt hat, als es plötzlich in den Reihen der Parteitagsdelegierten ungemütlich wird. Michael Müller, Regierender Bürgermeister der Hauptstadt, schiebt sich zwischen den Sitzreihen durch, baut sich vor Annika Klose auf, redet auf sie ein, schüttelt immer wieder den Kopf – und lässt sie am Ende sitzen. Klose, die Berliner Juso-Vorsitzende, pustet erst mal durch.    

Man würde nun gern wissen, was Klose denkt. Interessanter ist aber, wofür die Szene steht: Mit dem Sieg der Außenseiter Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans über Olaf Scholz und Klara Geywitz im Rennen um den Parteivorsitz hatte es so ausgesehen, als hätten sich die Machtverhältnisse in der SPD schlagartig verkehrt. Die Parteilinken, getragen vom Anti-Groko-Furor der Basis, wirkten so präsent wie schon lange nicht mehr. Und die Jusos, Ur-Initiator dieses Furors, so stark wie noch nie. Doch nun zeigt sich: Das Establishment, also die Genossen, die etwas zu verlieren haben – einen Ministerposten etwa oder ein Bürgermeisteramt – machen unverändert auf dicke Hose. Und die Sieger sehen gar nicht so aus, als hätten sie gewonnen.

Noch am Freitagmorgen war Annika Klose – 27 Jahre alt, Studentin der Sozialwissenschaften in Berlin, eine entschiedene Groko-Kritikerin – voller Vorfreude zum Parteitag gefahren. Einmal quer durch die Stadt, vom Osten in den Berliner Westen. Schon um 7.30 Uhr erschien sie im City Cube und hatte sich als eine der Ersten für die Aussprache zum Leitantrag angemeldet. Das sicherte ihr einen Redeplatz. Mit einem frühen Aufschlag die Grundstimmung setzen, ist eine bewährte Juso-Taktik. Das Ende vom "Weiter so!" sollte dieser Parteitag aus Sicht der Linken bringen, im Idealfall das Aus der großen Koalition. In einer Vorbesprechung hatten die Jusos ihre Parteitagslinie festgelegt: volle Unterstützung für Eskabo, wie Esken und Walter-Borjans parteiintern genannt werden. Was aber auch hieß: Zustimmung zu einem Leitantrag, aus dem alle harten Bedingungen für die Fortsetzung der Groko rausredigiert sind.

Eine linke Mehrheit an der Spitze, so Kloses Erwartung, würde sich auf jeden Fall daran machen, die Partei umzukrempeln. In ihrer Aufbruchseuphorie wagte sie Großes: Sie kandidierte für einen der 24 Plätze als Beisitzer im Parteivorstand. Wenn sie, eine junge linke Frau aus dem ohnehin schon linken Berliner Landesverband, ins Machtzentrum der SPD vorstieße, würde diese Partei nach dem Parteitag nicht mehr sein, was sie war. Ein Lackmustest für einen echten Aufbruch.  

Zwei Tage später bemüht sich Klose darum, weiterhin hoffnungsvoll zu wirken. Ein Antrag zum Ausstieg aus der Groko wurde von den Delegierten abgeschmettert, ein vom SPD-Establishment weichgespülter Leitantrag verabschiedet, bei der Vorstandswahl ist sie selbst krachend gescheitert. Die Regierungsbefürworter sind im Vorstand nun klar in der Mehrheit – und die beiden neuen Parteichefs umzingelt von Menschen, die etwas anderes wollen als sie. Was also ist jetzt mit dem linken Aufbruch? "Der Parteitag hat Weichen gestellt, dass er gelingen kann", sagt Klose. Sie habe Vertrauen in die beiden neuen Vorsitzenden, und darin, dass diese versuchen werden, die Partei rauszuführen aus ihrer Mitte-Fixierung, raus aus der großen Koalition. "Ich bleibe positiv gespannt." 

Was ist aus dem Groko-Furor geworden?

Die erwartungsfrohe Zuversicht der SPD-Linken auf eine grundlegende Wende hat sich in den drei Tagen im Berliner City Cube zu der vagen Hoffnung runtergedimmt, dass diese Wende schon bald kommen werde, auch bei Klose. Sie steht damit beispielhaft für etwas, worüber man am Ende des Parteitags heftig rätseln kann: Was ist eigentlich aus dem Anti-Groko-Furor geworden? Aus der Wut auf die Koalition mit der Union, die Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihre Ämter gehievt hat? Wohin ist sie entwichen? In was hat sie sich verwandelt?

Trifft man Klose in diesen drei Tagen immer wieder mal, so bekommt man eine Ahnung davon, was passiert sein könnte. Eine Erklärung lautet: Ein Teil der Anti-Groko-Wut hat sich in Verteidigungsenergie gewandelt.

Denn das Establishment schlägt längst zurück und möchte Eskabo einhegen. Arbeitsminister Hubertus Heil, Verfechter der großen Koalition, sollte bei der Wahl zu den stellvertretenden Vorsitzenden am Freitag in einer Kampfkandidatur gegen Juso-Chef Kevin Kühnert antreten, den politisch mit Abstand stärksten Vertreter des Linkskurses. Klose freute sich schon auf den Wahlgang, mit dem sich eine Richtungsentscheidung verband. "Endlich wird das mal offen ausgetragen", sagte sie noch am Freitag. Sie war auch sicher, wie die Abstimmung ausgehen würde: Kühnert werde Heil aus der Halle fegen. Sie freute sich darüber, dass der Vorstand die Ergebnisse der Gespräche mit der Union bewerten werde und nicht, wie von der anderen Seite gewollt, die Regierungsmitglieder. Zu dem Zeitpunkt ging sie noch davon aus, dass im Vorstand die Eskabo-Freunde in der Mehrheit sein würden.

Mit der neuen Parteispitze verbindet Klose klare Erwartungen. Eskabo sei nicht eingebunden in die Regierungslogik, werde die Beteiligungsmöglichkeiten erweitern, dadurch an die Basis angebunden bleiben und die Partei auf deutlicher Distanz zur Regierung halten. Je länger man ihr zuhört, desto deutlicher wird, was aus einem weiteren Teil des Anti-Groko-Furors geworden ist. Er hat sich zwangsrationalisiert in den Glauben, die SPD könne es zweimal geben: einmal als pragmatische Regierungskraft, die Kompromisse schließt. Und einmal als Hort der reinen Lehre, an dem sich die Sozialdemokraten als Linke fühlen dürfen. Mögen sich die Heils dieser SPD um das eine Erste kümmern – die Zukunft liegt mit neuen Partnern beim Zweiten, bei Kevin Kühnert.

Kurz darauf wird der Showdown zwischen Heil und Kühnert abgesagt. Statt drei wird es fünf Stellvertreter geben. Richtungsentscheidung? Vertagt. Und Annika Klose wird allmählich klar, dass sich auch an diesem Parteitag ein Sound durchsetzen wird, in dem sie die Begleitmusik des schleichenden Untergangs der SPD erkennt: Man solle jetzt nichts überstürzen. Am Ende des Parteitags weiß Klose, dass die SPD weder den großen Knall will noch die radikale Wende. "Die Partei will beides", sagt sie, "Stabilität und Neuausrichtung", eine Art "entschiedenen Aufbruch, aber schön Schritt für Schritt". Darin sei die SPD doch "sehr deutsch".

Und vielleicht liegt genau darin, in dieser Erkenntnis von Annika Klose, auch die Begründung dafür, warum sich die Anti-Groko-Wut auf diesem Parteitag nie Bahn brechen konnte: Für den radikalen Bruch ist die SPD einfach zu deutsch.