Eines ist klar: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans polarisieren. Die einen werfen der neuen SPD-Führung vor, realitätsfern und unprofessionell zu sein. Andere kritisieren, dass die neuen Vorsitzenden zu schnell von ihren weitreichenden Forderungen aus dem innerparteilichen Wahlkampf abgerückt sind. Die dritten sind sich sicher, dass der auf dem Parteitag gefundene Kompromiss nicht tragfähig sein wird. 

Tatsächlich lässt sich nach zwei Tagen SPD-Parteitag feststellen: Diesem Anfang wohnt kaum ein Zauber inne. Stattdessen sah man in Berlin viele gequälte Gesichter. Pessimismus und Lästereien prägten die Gespräche in der Messehalle. Die Kompromisse, auf die man sich hier verständigte, lösten bei den Delegierten wenig Euphorie aus. 

Was aber wäre die Alternative gewesen? Natürlich, die neue SPD-Führung hätte ihren knappen Wahlsieg als Mandat interpretieren können, um den sofortigen Ausstieg aus der Bundesregierung anzustreben. Manche Anhänger von Esken und Walter-Borjans sind genau davon ausgegangen ("Nikolaus ist Groko-Aus"). Die Realos in der Partei hätten das aber nicht mitgemacht – und sich aktiv gewehrt. Vermutlich hätte dieser Konflikt die SPD gespalten. Weder den eigenen Umfragewerten noch der deutschen Politik hätte die Partei damit einen Gefallen getan.  

Angesichts der kniffligen Gemengelage muss man sagen: Beide Lager haben sich richtig verhalten, sie haben sich zusammengerissen und das Beste aus der schwierigen Situation gemacht.  

Es fängt bei den Gewinnern an. Schon am vergangenen Samstag war die Reaktion der neuen Vorsitzenden bemerkenswert. Die beiden Außenseiter, die sich gegen das komplette Establishment der Partei durchgesetzt hatten, verzichteten auf jegliches Triumphgeheul und auf eine einseitige Siegerpolitik. Von Beginn an demonstrierten sie Verantwortungsgefühl für die ganze Partei. Walter-Borjans und Esken setzten sich für eine Gesichtswahrung der Unterlegenen und für einen Schulterschluss mit ihnen ein.

Das zeigte sich personell: Die Gegenkandidatin Klara Geywitz schlugen sie erfolgreich als neue Stellvertreterin vor. Zu Olaf Scholz fanden sie rasch "freundschaftliche" Worte. Und als auf dem Parteitag eine Kampfabstimmung zwischen ihrem Vertrauten, dem Juso-Chef Kevin Kühnert, und dem Bundesminister Hubertus Heil um den anderen Stellvertreterposten drohte, erweiterte die neue Führung das Gremium kurzerhand. Nun haben beide als Vize darin Platz.