SPD-Vorsitz - Groko-Kritiker an der Spitze Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben den Entscheid mit 53 Prozent der Stimmen gewonnen. Sie wollen den Koalitionsvertrag nachverhandeln. © Foto: Thomas Imo, Thomas Trutschel/​Photothek/​Getty Images

Selten geht in der Politik so vieles gleichzeitig zu Ende wie an diesem Samstag, als der Vizekanzler und prononcierteste Weiter-so-Politiker der SPD nicht zum Parteivorsitzenden gewählt wurde. Zum einen endete da die große Koalition. Wobei die schon ziemlich lange endet, es ist wie bei einem Spielfilm mit besonders ausführlichem Abspann, wo bereits die Namen von Friseur 1, 2 und 3 eingeblendet werden, man aber fürchten muss, dass die Hundetrainer noch drankommen. Etwas abrupter kam am Samstag zum Abschluss, was die SPD seit 40 Jahren dominierte: der Mitte-Mitte-egal-was-es-kostet-Kurs. Mit der neuen Führung kommt diese Linie an ihr Ende, stärker wird die Partei damit nicht.

Olaf Scholz war der vermutlich letzte Vertreter einer langen Reihe sozialdemokratischer Führer (und einer Führerin: Nahles), die samt und sonders ebenjene rigorose Mitte-Politik betrieben haben, vor allem also Männer, die Regierungsfähigkeit mit ideologischer Selbstverleugnung, moralischer Selbstkasteiung, operativer Beflissenheit, großer Disziplin und aufopferungsvollem Patriotismus gleichgesetzt haben. In diese Reihe gehörten, um nur eine kleine Auswahl zu nennen: Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Hans-Jochen Vogel, Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Kurt Beck, Sigmar Gabriel, Martin Schulz und viele, viele andere. Und nun eben Olaf Scholz, der letzte seiner Art.

Diese sozialdemokratische Traditionslinie nimmt für sich in Anspruch, aus Verantwortung zu handeln, doch es war schon eine sehr besondere Art, diese Verantwortung zu leben. Schmidt sagte, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, Schröder verfügte, es gebe keine linke und rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur richtige oder falsche. Was sie meinten: Wollt nicht mehr, als euch von der öffentlichen Meinung und dem politischen Gegner zugestanden wird, sehnt nicht, arbeitet! Diese Strategie war phasenweise erfolgreich, ermöglichte der SPD kanzlerfähige Wahlergebnisse, und zwar genau von 1974 bis 1983 und von 1998 bis 2005, insgesamt 16 Jahre in 70 Jahren Bundesrepublik. Seit 14 Jahren allerdings beschert dieser Kurs der SPD immer schlechtere, mittlerweile verheerende Wahlergebnisse; am Ende dieser langen Reihe von Zentristen steht infolgedessen eher keine neue Kanzlerschaft, sondern eine existenzielle Krise. Und am Ende dieser Reihe stellte sich nun ein Mann zur Wahl, der hoffen konnte, die lange Reihe seiner Vorgänger gereiche ihm zur Ehre. Doch sie wurde zur Last.

Schmidt-Schröder-Kurs in seiner reinsten Form

Olaf Scholz unterscheidet sich strategisch kein bisschen von Schmidt, Schröder, Gabriel oder auch Schulz, wohl aber emotional. Denn die vier genannten haben alle auf ihre je eigene Art versucht, ihrer Partei die Strategie der Selbstkasteiung und des Sehnsuchtsverbots durch Charisma, Emotionalität, Pathos, Chuzpe und Rhetorik zu erleichtern. Nichts davon findet sich bei Scholz. Was er der verstörten und verzweifelten Basis anbot, war also der Schmidt-Schröder-Kurs in seiner reinsten Form, als schiere Sachlichkeit. Was letztlich deshalb nicht erfolgreich war, weil Scholz' Angebot auf einen sachlichen Einwand keine überzeugende Antwort hatte, und dieser Einwand lautet: 14 Prozent. Die verheerenden Umfrageergebnisse sind eben nicht von einem idealistischen Linkskurs der Parteivorsitzenden Kevin Kühnert und Gesine Schwan verursacht worden, sondern vom Kurs der maximalen Mitte, von Olaf Scholz und Andrea Nahles. Sie, die Frau, wurde dafür bestraft, indem man sie in den Rücktritt trieb. Und er, Olaf Scholz, wollte dafür mit dem Parteivorsitz belohnt werden. Da fragten sich viele Genossinnen und Genossen dann doch: Warum? Warum? Warum?

Wie kam Olaf Scholz eigentlich auf die Idee, dass er für dieselbe Politik belohnt werden müsste, für die Andrea Nahles bestraft wurde? Weil er fast das gesamte Parteiestablishment und große Teile der Medien auf seiner Seite hatte. Auf dieser Basis konnte er eine Analyse lancieren, die nicht aufgrund ihrer Wahrheit überzeugte, sondern durch die Masse ihrer Anhänger.

Scholz und das SPD-Establishment glaubten nämlich, und glauben es womöglich noch immer, dass sie das große Rätsel der SPD gelöst haben. Warum, um alles in der Welt, wird die Partei für ihre objektiv sehr gute Arbeit in der großen Koalition von den Wählerinnen und Wählern nicht belohnt? Antwort: weil die Vorsitzenden der vergangenen Jahre zu emotional waren, zu unstet, weil sie den objektiven Erfolg sozialdemokratischer Politik weder verkörpern noch verkaufen konnten.