Entsprechend verzichteten sie nach ihrem Wahlsieg auf Triumphgesten. Stattdessen sprach Walter-Borjans bei Will von "freundschaftlichen Signalen" an den unterlegenen Olaf Scholz. Auf die Frage, ob dieser noch Finanzminister bleiben könne, antwortete Walter-Borjans knapp, aber positiv, mit "Ja". Und Esken sagte, sie hoffe, dass der SPD "die wertvolle Arbeit von Herrn Scholz erhalten" bleibe. Anders klang es noch in einer Talkshow am Donnerstag, 48 Stunden vor dem Wahlsieg, in der Esken Scholz absprach, ein "standhafter Sozialdemokrat" zu sein. 

Nun, als designierte Parteichefs, treten sie zurückhaltender auf. Gefasst antworteten sie auf alle möglichen Provokationen. Als in der Will-Sendung beispielsweise der Publizist Christoph Schwennicke "die Eignung" der beiden "klar infrage" stellte, lächelte Esken dies ruhig weg. Unbeirrt antwortete sie: Sie traue sich zu, in die Aufgabe reinzuwachsen.

Esken bestreitet gar nicht, keine langjährige Spitzenpolitikerin zu sein. Sie kokettiert damit. Sie sieht darin einen Schlüssel ihres Erfolges: Dass sie nicht Teil des Berliner Establishments sind, habe sie für viele Genossen glaubwürdig gemacht. Sie seien angetreten, um der SPD eine neue politische Kultur zu vermitteln, betonen beide. Sie wollen der Partei eben "nicht von oben herab sagen", was sie zu tun habe, sondern einen innerparteilichen Demokratisierungsprozess anstoßen.

Folglich könne man als neues Vorsitzendenduo nicht einfach den Kurs diktieren. Das ist Botschaft Nummer zwei an diesem Tag: Nicht wir entscheiden über die Zukunft der Regierung, sondern allein der Parteitag, der am kommenden Wochenende in Berlin stattfindet. Vorher kommen noch die Parteigremien zusammen. Ob man sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen kann, ist unklar.

Milliardeninvestitionen und mehr Klimaschutz

Klar ist aber, dass man mit der Union verhandeln möchte, was in den verbleibenden zwei Jahren der Legislaturperiode noch möglich wäre. Esken und Walter-Borjans betonen zwei Anliegen. Zum einen fordern sie ein 500-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm, um einer möglichen Konjunkturkrise vorzubeugen. Zum anderen wollen sie mehr für Klimaschutz tun, als bisher im Klimapaket geplant ist, und dieses sozial ausgewogener gestalten. Für solche Ziele müsse man sich von der schwarzen Null im Bundeshaushalt verabschieden. Walter-Borjans kündigt dazu eine Debatte auf dem Parteitag an.

Dass ein Finanzminister Scholz, eine Kanzlerin Merkel und überhaupt die Union da mitmachen, gilt als unwahrscheinlich. Dennoch betonen die beiden designierten Vorsitzenden, dass ihre Forderung nichts Unverfrorenes sei, sondern ein legitimes Ansinnen, das mit dem Koalitionsvertrag vereinbar sei. Schließlich beinhalte dieser eine Revisionsklausel.

Die Auslegung dieser knappen Passage ist sozusagen Botschaft Nummer drei. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, nach zwei Jahren zu prüfen, ob sich aufgrund "aktueller Entwicklungen" neue Aufgaben für die Koalition ergeben. "Nicht dass wir jetzt da sind, ist der Anlass", sagt Esken. Man folge lediglich der Vereinbarung. Von der Union erwarte man die Bereitschaft, darüber zu reden. Zumal die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer im Frühjahr ebenfalls ihre Bereitschaft dazu signalisiert hatte.

Laschet sieht das anders: "Man kann nicht den Koalitionsvertrag neu aushandeln, nur weil der Parteivorsitzende wechselt." Bei Will folgte an dieser Stelle eine Diskussion eher semantischer Art. Komplett "neu" verhandeln wolle man nicht, betonen Esken und Walter-Borjans. Sondern "nachverhandeln" oder "nachjustieren". Ein "Update" für den Koalitionsvertrag, nennen sie es, was durchaus pfiffig ist, weil das wortgleich auch schon CDU-Wirtschaftspolitiker gefordert haben (wenngleich mit anderen Inhalten).

Ganz so blöd findet Laschet die Update-Idee am Ende nicht mehr. "In der Sache kann man über vieles sprechen", sagt er. Esken gibt sich ebenfalls versöhnlich. Ihr gehört der letzte Gag der Sendung: Als die Moderatorin in die Runde fragt, wie lange die große Koalition noch halten werde, sagt sie: "Ich finde, wir vertragen uns eigentlich bestens." Einige in der Runde lachen, wenn auch etwas bemüht.

Fast könnte man denken: Da sind zwei in Rekordzeit im politischen Establishment angekommen. Bloß: Die Kernfrage ist noch nicht beantwortet.