Bis Samstagabend, 18 Uhr, waren Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans im Angriffsmodus. Die SPD-Basis kürte sie nicht zuletzt deshalb zu ihrem neuen Vorsitzendenduo, weil die beiden die bisherige Führung der SPD und deren Arbeit in der großen Koalition kritisiert und hinterfragt haben.

Seit Samstagabend werden sie selbst angegriffen, und zwar von vielen Seiten. Der Ton der politischen Konkurrenz ist scharf, ebenso das Presseecho ("Die SPD schafft sich ab", titelte etwa die FAS). Esken und Walter-Borjans werden nun aufgefordert, ihren Plan vorzulegen. Die beiden vormaligen Angreifer müssen sich nun erst mal verteidigen und ihrerseits um Verständnis werben.

SPD-Vorsitz - Groko-Kritiker an der Spitze Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken haben den Entscheid mit 53 Prozent der Stimmen gewonnen. Sie wollen den Koalitionsvertrag nachverhandeln. © Foto: Thomas Imo, Thomas Trutschel/​Photothek/​Getty Images

So schnell ändern sich die Rollen. Zu beobachten war das am Sonntagabend in der ARD-Talkrunde von Anne Will. Da saßen sie also, die beiden designierten, bislang eher unbekannten Parteichefs, um sie herum Gesprächspartner, die schon seit Jahren zum gewohnten Setting solcher Talkshows zählen. Und sie alle stellten dieselbe "Kernfrage", wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet es nannte, bevor er sie selbst noch einmal stellte: "Wollen Sie drinbleiben? Oder wollen Sie raus?" Gemeint war natürlich: raus aus der großen Koalition.

Dass Laschet als stellvertretender CDU-Chef von seinem Koalitionspartner wissen möchte, wie es weitergeht, ist nachvollziehbar. Eskens Satz "die Groko ist Mist", den sie noch am Samstagabend wiederholte, lässt nicht unbedingt auf gedeihliche Zusammenarbeit schließen. Dabei stünden "Riesenaufgaben" an, so Laschet, etwa der Kohleausstieg oder die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nächstes Jahr. Da wüsste man schon gern, ob die SPD noch dabei ist.

Aber so oft die Frage auch gestellt wurde, eine eindeutige Antwort gab es nicht. Esken und Walter-Borjans war es, im Gegenteil, wichtig, sich nicht festzulegen oder sich zu unbedachten Äußerungen hinreißen zu lassen. Stattdessen sandten sie drei andere Botschaften aus, die sie an diesem Tag mehrfach, auch in anderen Interviews, wiederholten.

Die erste Botschaft richtet sich an die eigene Partei. Esken und Walter-Borjans werben um Geschlossenheit. Sie wollen das Lager derer, die sie nicht gewählt haben, nicht weiter verschrecken oder gar vergraulen, sondern, wie sie es nennen, die SPD wieder "zusammenführen". Sie wollen also nicht mehr innerparteilich polarisieren, was ihre bisherige Strategie war, sondern integrieren.