Keine Partei verstand es besser als die CSU, die Ruhe zwischen den Jahren für den eigenen Rabatz zu nutzen. Beim Treffen der Bundestagsabgeordneten der CSU in Wildbad Kreuth wurde traditionell der Ton zum Jahresauftakt gesetzt: "Wer betrügt, der fliegt", knallte es etwa 2014. Gemeint waren Armutsmigranten aus dem Osten der EU.

Die nächsten Jahre ging es dann vor allem um Migrantinnen und Migranten von noch weiter weg. Die Kanzlerin kam 2016 im Helikopter ins oberbayerische Wintermärchen und musste sich medienwirksam wegen ihrer Flüchtlingspolitik schelten lassen. Ihr Kontrahent, der Zaunbauer Viktor Orbán, wurde von der CSU dagegen umschmeichelt (2018). Was der Ungar daheim so trieb, imponierte dem Chef der Landesgruppe Alexander Dobrindt offenbar derart, dass er im Vorfeld der Tagung gleich selbst eine "konservative Revolution" in Deutschland forderte.

Ausländermaut, Betreuungsgeld – die CSU sorgte mit populistischem Tremolo verlässlich dafür, dass der politische Jahresauftakt bloß nicht zu besinnlich geriet. Ab Montagmittag kommt die CSU nun wieder für zwei Tage zusammen. Aus Wildbad Kreuth ist Kloster Seeon geworden, die Christsozialen mussten umziehen, schon vor ein paar Jahren. Und auch sonst hat sich einiges getan.

Voriges Jahr schon gab es die erste vorsichtige Abrüstungsrunde: ein demonstrativer Schulterschluss mit der neuen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Im neuen Jahrzehnt zeigt sich jetzt immer deutlicher, wie die erneuerte – man ist fast geneigt zu sagen: gezähmte – CSU unter Markus Söder Gestalt annimmt. Vor der Klausur forderte er eine Verjüngung des Bundeskabinetts, es müsse um Inhalte gehen und einen Aufbruch geben.

"Näher am Menschen" ist zurück

Statt über Flüchtlinge, den Islam, Fleischessen oder Dieselfahren zu reden – also Themen, die den weiß-blauen Puls verlässlich in die Höhe treiben würden –, will sich die CSU nun wieder mehr um Außenpolitik kümmern. Sie hat EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, Rumäniens Präsident Klaus Werner Johannis und die estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid eingeladen. Abends kommt noch der Gründer einer hippen Berliner Werbeagentur zum Plaudern vorbei.

Darüber hinaus liegt ein Schwerpunkt auf der Familienpolitik – mit ein paar Überraschungen: So möchte die CSU zum Beispiel Väter stärker ermutigen, länger in Elternzeit zu gehen. Das steht in einer Beschlussvorlage der Landesgruppe. Wenn beide Elternteile Elternzeit nehmen, jeder mindestens vier Monate lang, soll das Geld zwei Monate länger als bisher gezahlt werden. Also 16 statt bisher 14 Monate. 

Das klingt vielleicht nicht gerade nach einem Epochenwechsel, eher nach einer moderaten Anpassung. Der christsoziale Dogmenwechsel wird aber deutlich, wenn man sieht, wo die CSU gestartet war: Ein "Wickelvolontariat" sei das und im Prinzip überflüssig, stänkerte der damalige Chef der Landesgruppe Peter Ramsauer, als das Elterngeld eingeführt wurde. Übrigens von seiner CDU-Parteifreundin, damals noch Familienministerin, heute Gast der CSU wie einst Orbán.

Und auch sonst fordert die CSU plötzlich Dinge, die mehr Lebensrealität durchschimmern lassen als das ausschließliche Ideal einer Mutter, die lange daheimbleibt, das noch zuletzt aus CSU-Familienleistungen vom Betreuungsgeld bis zur Mütterrente sprach. Alleinerziehende sollen entlastet werden. Es sollen mehr Betreuungsplätze geschaffen werden. Und für den Weg zur Kita soll es eine Art Pendlerpauschale geben. Die CSU will außerdem mehr Sicherheit für Sparer und drei Milliarden Euro mehr Verteidigungsausgaben und ein staatlich gefördertes "Ansparkonto", das Bauern bei Dürren aushilft. Fast eher pflichtschuldig wirkt der erneute Vorstoß, die Zahl der sicheren Herkunftsstaaten auszuweiten. So trägt dann auch die Beschlussvorlage den für die CSU doch eher ungewöhnlichen zahmen Titel: "Unsere Politik für eine freie und vielfältige Gesellschaft – mit 80 Millionen Lebensentwürfen und Lebensrealitäten."

Die Abkehr von der Dobrindt-Doktrin

Die CSU hat offensichtlich aus ihren Wahlniederlagen im Bund und im Freistaat gelernt. Sie will die modernste unter den konservativen Parteien sein. Wenn man nur die konservativen Stammwähler bespaßt, würde das vielleicht noch für ein Ergebnis irgendwo in den Zwanzigern reichen, schätzt man an der Parteispitze nach der Analyse der letzten Landtagswahl. Mit Bayerntümelei, noch so ein alter Erfolgsgarant, ist auch nicht mehr viel zu holen in einem Bundesland, das mit seiner Wohlstandsmaschine die Zuzügler aus allen Teilen der Republik lockt.

"Näher am Menschen", den Slogan der CSU aus den frühen Nullerjahren, der dann irgendwann verschwand, hat Söder wieder unter das Parteilogo geklebt und sich selbst als Leitgedanken verordnet. Und er nimmt das persönlich. Im Zweifel rückt er den Menschen dann so dicht auf die Pelle, dass man meinen möchte, seinen Atem im Nacken zu spüren. Die Bürger wollen Umweltschutz? Bitte, dann pflanzt der Ministerpräsident eben persönlich Blühstreifen und übernimmt ein Volksbegehren zum Schutz der Bienen einfach ins Regierungsprogramm.

Söder und allen voran sein Generalsekretär Markus Blume haben der CSU denn auch die Strategie schnell wieder ausgetrieben, die vor allem Landesgruppenchef Dobrindt kühl kalkuliert, ersonnen und durchexerziert hatte: Das konservative Sprechen weit nach rechts auszudehnen, die AfD damit in die permanente rhetorische Radikalisierung zu treiben und sie so unwählbar zu machen.

In der Bundesregierung und in der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU – beide hätten die Bayern im Sommer 2018 mit ihrer Forderung nach Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze beinahe gesprengt – ist die CSU so inzwischen zum Stabilitätsfaktor geworden. Beim Streit um die Grundrente etwa fanden sich die Christsozialen plötzlich als vertrauenswürdige Vermittler zwischen hadernden CDUlern und Sozialdemokraten. Die SPD ist weiter hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Und während die CDU-Spitze hin und her mäandert zwischen Progressiven und Konservativen – und am Ende beide unbefriedigt lässt –, ist Söders Handschrift klar. Und die Partei folgt ihm.