Die Grünen feiern ihren 40. Geburtstag. Wie war das Medienecho über die Gründung der neuen Partei am 13. Januar 1980? ZEIT ONLINE hat im Archiv gestöbert.

Es war eine Geburt in letzter Minute, am 13. Januar 1980 in der Karlsruher Stadthalle: Um 17:25 Uhr – so hielt es die ZEIT akribisch fest – erschien auf "dem Bildwerfer" der Satz "Hurra, die Grünen sind da". Die Delegierten fielen sich in die Arme, "brüllten vor Erleichterung" und hasteten dann zum Bahnhof. Vor allem die norddeutschen Parteigründerinnen und -gründer hatten es eilig. Ihr letzter Zug fuhr um 17:56 Uhr. Sie hatten schon zuvor angemahnt, dass der Kongress deswegen spätestens um halb sechs zu Ende sein müsse. Denn, so formulierte es die damals bereits um Inklusion besorgte Partei: "Unsere Körperbehinderten brauchen mindestens 20 Minuten bis zum Bahnhof."

Zu viel mehr als dem reinen Gründungsbeschluss hatte es beim Kongress der neuen Partei an diesem 13. Januar 1980 also nicht gereicht, obwohl das Treffen bereits am Tag zuvor begonnen hatte. Sowohl die Programmdebatte als auch die Vorstandwahlen mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Der Grund: Die Delegierten hatten sich in stundenlange, quälende Satzungsdebatten verstrickt.

Der Spiegel notierte damals, es sei dem Fahrplan der Bahn zu verdanken gewesen, dass es am Ende überhaupt noch zur offiziellen Gründung der Bundespartei Die Grünen gekommen sei. Ein Jahr zuvor war das Bündnis bereits als "Sonstige politische Vereinigung" zur Europawahl angetreten. Die "grundlegende Alternative zu den herkömmlichen Parteien" wollten die Grünen sein, zitierte das Hamburger Magazin die Präambel der neuen Satzung. Und setzte spottend hinzu, dem sei die neue Partei immerhin in einer Hinsicht gerecht geworden: "Chaotischer ging’s nimmer".

Mehr Studentenversammlung als Parteikonvent

Die Versammlung habe eher einer Studentenversammlung aus den besten Tagen der Apo als einem Parteikonvent geähnelt, schrieb der Spiegel: Grüne, Bunte, Alternative, Linke und Rechte hätten sich erbitterte Wort- und Abstimmungsgefechte geliefert. Da sei es schon mehr Beschwörung als Tatsachenfeststellung gewesen, wenn das Tagungspräsidium den 1.004 in der Halle "zusammengepferchten" Delegierten immer wieder bestätigt habe, wie diszipliniert sie sich verhielten.

Tatsächlich war es ein sehr gemischtes Trüppchen, das sich damals aufmachte, die Grünen zu gründen. Zu ihnen gehörten umweltbewegte Konservative ebenso wie abtrünnige Sozialdemokratinnen, Aktivisten aus den in den Jahren zuvor entstanden sozialen Bewegungen und überzeugte Kommunistinnen.

Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung machte sich über die Motive der Teilnehmenden so ihre eigenen Gedanken: "Da gab es den eisgrauen Naturschützer und Frauen, die ein lebenslanges Außenseitertum nun in einer Gemeinschaft beenden zu können glauben", hieß es in einem Artikel.

Freundlicher urteilte die Badische Zeitung: "Eine alte weißhaarige Frau mit strengem Mittelscheitel umarmt einen langhaarigen Zwanzigjährigen, ein Universitätsprofessor verbrüdert sich mit einem Ökolandwirt. Laute Feministinnen sitzen zwischen stillen Hausfrauen. Und jeder duzt den anderen. Auf den zahllosen Büchertischen liegen linke Schriften neben anthroposophischer Literatur, philosophische Bücher neben biologisch reiner Kernseife und alternativen Putz- und Scheuermitteln." Doch trotz des scheinbar friedlichen Nebeneinanders wurde schon bei der Gründung der Partei um Macht und Einfluss gerungen.

Streit um die Doppelmitgliedschaft

Besonders sichtbar wurde dies bei der Frage, ob eine Doppelmitgliedschaft bei den Grünen und in einer anderen Partei möglich sein sollte. Vor allem die Mitglieder der K-Gruppen wollten das, Konservative und Gemäßigte waren dagegen, weil sie eine Unterwanderung von links fürchteten. Zwar entschieden die Delegierten zunächst, dass eine Doppelmitgliedschaft nicht möglich sein solle. Schon am nächsten Tag des Gründungstreffens wurde dieser Beschluss konterkariert, den Landesverbänden wurde zugestanden, eigenständig Übergangsregelungen für Doppelmitgliedschaften zu treffen. Nur so kam schließlich die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit der Delegierten für die Parteigründung zustande.

Nach ihrer Gründung galten die Grünen in der deutschen Öffentlichkeit erst mal nicht unbedingt als aufstrebende Partei. Der harte Kern ihrer Wählerschaft wurde auf zwei Prozent geschätzt, maximal sieben Prozent könnten sich vorstellen, die Grünen zu wählen, hieß es in Umfragen, über die die Zeitungen berichteten. In den meisten Medien wurde den Grünen nach ihrem chaotischen Auftakt keine allzu großen Überlebenschancen eingeräumt: "Gar zu bunt erscheint die neu gegründete Partei (…), als dass sie auf längere Sicht bestand haben dürfte", schrieb der Spiegel.

Noch weit vernichtender urteilte die Süddeutsche Zeitung: Es könne schon sein, dass die Grünen noch "allerlei Turbulenzen verursachen" würden, hieß es dort. Doch eines stehe jetzt schon fest: "Ökologisches Bewusstsein umsetzen in Ökopolitik, Gedanken in Gesetze, prinzipielle Hoffnungen in parlamentarische Taten – dies vermögen sie nicht, weder vor noch nach den Wahlen." Dies sei auch gut so, schrieb der Autor. Denn wer den Gründungskongress der Grünen in allen Phasen erlebt habe, "den muss die Vorstellung, die Entscheidung über eine neue Regierung, ja gar die innen- und außenpolitische Handlungsfähigkeit einer Bundesregierung solle im Zweifel von dieser Organisation abhängen, grelle Alpträume verursachen".