Schon immer hatten die Grünen viele Beinamen. Antipartei, Protestpartei, Bewegungspartei. Namen allerdings, die heute nicht mehr hinreichend sind, weil sie eher die Anfänge der Grünen beschreiben. Die Grünen der Gegenwart sind dagegen das geworden, was sie anfangs nie sein wollten: eine ganz normale, im Moment ziemlich erfolgreiche Partei.

Der Parteivorsitzende Robert Habeck sagt gern den Satz, eigentlich seien die Grünen für heute gegründet worden. Habeck sagt das freundlich, aber der Satz trägt mehr in sich. Er zieht einen Schlussstrich unter das, was gewesen ist. Er macht die legendenumwobene Vergangenheit der Grünen zu einer Vorgeschichte. Er erklärt einen wie Joschka Fischer zu einem Mann aus dem Geschichtsbuch.

Aber von vorn: Am Freitagabend haben die Grünen in einer stillgelegten Werkshalle in Berlin-Weißensee, weil ja so gut wie alle Werkshallen im Osten stillgelegt wurden, ihren 40. Geburtstag gefeiert. So groß wie noch nie: 1.500 geladene Gäste. Der Vizekanzler Olaf Scholz, die neue SPD-Vorsitzende Saskia Esken, Juso-Chef Kevin Kühnert, keiner von der CDU. Natürlich die wichtigen Grünen von gestern und heute: Joschka Fischer und Jürgen Trittin, Claudia Roth und Marianne Birthler, Cem Özdemir und Anton Hofreiter. Und viele, viele andere. So staatstragend wie noch nie: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war Gastredner. So geeint wie wahrscheinlich noch nie: Nicht nur der 40. Geburtstag der West-Grünen wurde begangen, sondern auch der 30. Geburtstag von Bündnis 90, dem ostdeutschen Vorläufer der Partei, der in der Vergangenheit gern mal vergessen wurde.

Der gestrige Abend dagegen sollte alles in einem sein: ein selbstbewusster Blick zurück, ein großes Versprechen für morgen, eine geschichtspolitische Machtdemonstration. Pompös und lässig. Jung und Alt. Und ein bisschen regierungstauglich natürlich auch.

Tatsächlich aber war er, wenn man freundlich sein will, souverän. Wenn man ein wenig rummeckern will, ziemlich routiniert. Wenn man gehässig sein will, ein wenig langweilig.

Längst brauchen die Grünen solche heimeligen Bühnen nicht mehr. Sie brauchen keine geschützten Orte mehr. Wo Annalena Baerbock und Robert Habeck im Moment hinkommen, füllen sich die Säle. Auf ihnen lasten weit größere Erwartungen als auf all jenen, die vor ihnen diesen Job gemacht haben. Die beiden Vorsitzenden wollen die Grünen in die nächste Regierung führen. Und einen von beiden vielleicht sogar ins Kanzleramt.

Ruhe, bitte

Was ist dagegen schon die Erinnerung an alte Zeiten? Habeck jedenfalls muss während des offiziellen Programms immer wieder von der Bühne nach hinten die Halle brüllen und um Ruhe bitten. In die ersten Reihen, dorthin, wo die Honoratioren sitzen, drängt aus der Tiefe des Raumes ein Geräuschpegel nach vorn, in dem alles andere unterzugehen droht. Auch derart ringen Vergangenheit und Gegenwart miteinander.

Denn es sollte wohl vor allem eine nette Geste sein, eine Frage des Anstands und des Respekts, die Altvorderen noch einmal auf die Bühne zu bitten. Joschka Fischer durfte mit Aminata Touré, Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtags, 27 Jahre jung und Tochter malischer Flüchtlinge, talken. Und Hans-Christian Ströbele mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer. So schön das aussah, so bewusst divers diese Kombinationen gewählt waren, so sehr haben beide Paare aneinander vorbeigeredet. Fischer sagte das, was er immer sagt, nämlich dass es wichtig ist, Mehrheiten zu organisieren. Aber das tun die Grünen, die in den Ländern in den unterschiedlichsten Konstellationen regieren, längst. Und Ströbele wiederum erinnerte sanft, altersweise, aber auch stur die Jüngere noch einmal daran, dass er und seine Mitstreiter damals gegen gewaltige Widerstände gekämpft hätten, während Fridays for Future heute dagegen von vielen beklatscht und bejubelt würden.