Olaf Rubelt hat beste Laune. "Hervorragend", ruft der 57-Jährige auf die Frage, wie es ihm gehe, mit kräftiger Stimme ins Telefon. "Ich fühle mich hervorragend und ich glaube, meinem Chef geht es auch gut." Schließlich habe der gerade seinen Vertrag verlängert.

Vor einem Jahr gehörte Rubelt, ein kleiner untersetzter Mann mit grauem Kurzhaarschnitt, zu den ersten Langzeitarbeitslosen in Deutschland, die von dem gerade in Kraft getretenen Teilhabechancengesetz profitierten. Mit diesem sollen Menschen, die lange keine Job mehr hatten, mittels staatlicher Lohnzuschüsse wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. Bis zu fünf Jahre lang zahlt der Staat das Gehalt, anfangs ganz, später zu großen Teilen.

Rubelt war mehr als zehn Jahre lang Hartz-IV-Empfänger gewesen. Seit Februar 2019 arbeitet er nun bei der Firma Reimann-Reisen – einem mittelständischen Busunternehmen im westfälischen Hagen.

Und wenn es nach seinen Chefs geht, soll es dabei auch bleiben. "Sollen wir den verlängern?", habe der Juniorchef seinen Vater halb im Scherz gefragt, erzählt Rubelt. "Bist du doof?", antwortete der Vater. "Der hat mein Wort, der bleibt bei uns bis zur Rente."

"Herr Rubelt ist voll angekommen", versichert auch Brigitte Scheil. Die Sozialarbeiterin arbeitet beim Jobcenter und hat dort die Aufgabe, Langzeitarbeitslose beim Wiedereinstieg zu begleiten. Das Coaching ist ein zentrales Element des Gesetzes, das dieses auch von früheren Maßnahmen unterscheidet. Sich anbahnende Schwierigkeiten und Konflikte sollen so möglichst frühzeitig angegangen werden können. Bei Rubelt hatte Scheil allerdings noch nicht viel zu tun.

Not am Mann ist oft

Seine Eingewöhnung in das neue Leben verlief weitgehend problemfrei, wie auch Juniorchef Markus Reimann bestätigt. Mittlerweile hat Rubelt verantwortungsvolle Tätigkeiten übernommen. Dreimal die Woche organisiert er die Busreisen, mit denen das Unternehmen Touristen zu Kreuzfahrtschiffen befördert, er betreut aber auch die Immobilien der Firma, rechnet mit den Handwerkern ab. Und wenn Not am Mann ist – und die ist oft – fährt er auch selbst mal einen Achtsitzer, um Kunden abzuholen. In der Firma hat er den Personenbeförderungsschein gemacht.

Der Job passt zu ihm. Rubelt ist ein Mensch, der auf andere zugehen kann, ein Organisierer und Macher. Dass er dennoch so lange arbeitslos war, hat mit den wirtschaftlichen Umständen, aber auch mit Pech zu tun, beruflichem wie privatem. 2006 verlor er zum ersten Mal seinen Job in der Buchführung eines Großangelgeräteherstellers, 2008 ging auch die nächste Firma, bei der er Arbeit gefunden hatte, pleite. Rubelt versuchte es mit der Selbstständigkeit, machte einen Angelladen auf. Doch inzwischen war er auch noch alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter geworden, das passte mit dem Geschäft nicht zusammen. Rubelt musste Insolvenz anmelden, blieb auf einem Berg Schulden sitzen. 

Vor einem Jahr: Markus Reimann (l.) und Olaf Rubelt (r.) bei der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags © Katharina Schuler für ZEIT Online

In den Jahren, die folgten, fand er nicht ins Arbeitsleben zurück. Doch aufgegeben hat Rubelt sich nie. Er kümmerte sich um sein Kind und seine 80-jährige Mutter, er regte eine Angel-AG für schwererziehbare Kinder an, wurde – als Hartz-IV-Empfänger – zweiter Vorsitzender einer Ladengemeinschaft, die sich bemühte, die wirtschaftliche Attraktivität des Standorts Hagen-Hohenlimburg zu steigern und saß im Naturschutzbeirat der Stadt.

Die Sache mit den Stapeln

Braucht so einer wirklich einen staatlichen Lohnzuschuss, um wieder Arbeit zu finden? Brigitte Scheil, Rubelts Coach bei der Arbeitsagentur, seufzt, wenn man ihr diese Frage stellt. "Natürlich", sagt sie, "immer, wenn es gut läuft, denkt man, warum hat der eigentlich kein Bein auf die Erde gekriegt." Aber es sei doch so: Jeder Arbeitgeber habe für Bewerbungen zwei Stapel. "Mit einem brüchigen Lebenslauf landen Sie immer auf dem falschen Stapel." Das entscheidende an dem Teilhabechancengesetz sei, dass der Bewerber so eine Chance bekomme, die er ohne das Gesetz nie gekriegt hätte.

Ohne den staatlichen Lohnzuschuss wären wohl auch die Reimanns nie auf die Idee gekommen, Rubelt einzustellen, obwohl sie ihn persönlich seit Langem kannten. Rubelt bekommt vom Arbeitsamt nun dasselbe Gehalt wie andere Mitarbeiter in der Firma, die vergleichbare Tätigkeiten ausüben. Reich wird er damit nicht. Nach Abzug der Miete, die er jetzt selbst bezahlen muss, bleiben ihm etwa 200 Euro mehr als als Hartz-IV-Empfänger. Ein bisschen mehr Spielraum ist das trotzdem. Wenn seine Tochter sich beim Einkaufen nicht entscheiden kann, ob sie den schwarzen oder den roten Pulli nehmen soll, kann er jetzt schon mal sagen: "Nimm beide. Papa arbeitet."

Die Förderung ermöglicht es den Arbeitgebern aber auch, auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer neuen Mitarbeiter einzugehen. Seniorchef Reimann zum Beispiel hat Rubelt zugesichert, dass der sich jederzeit um seine Tochter kümmern darf, wenn die ihn braucht. Eine Großzügigkeit, die er sich unter normalen Bedingungen womöglich nicht geleistet hätte.

Im Arbeitsministerium und bei der Bundesagentur für Arbeit ist man mit dem bisherigen Erfolg des Gesetzes sehr zufrieden. Insgesamt 42.000 Menschen hätten auf diesem Weg 2019 eine Arbeit gefunden, berichtete Arbeitsminister Hubertus Heil am Montag bei einem Treffen mit Langezeitarbeitslosen. Etwa 34.000 davon seien mehr als sechs Jahre arbeitslos gewesen.