Manchmal wird Burkhard Jung in diesem Wahlkampf fast wie ein König begrüßt. An einem Morgen steht er vor einem Einkaufszentrum in Leipzig-Grünau, ein Plattenbaugebiet am Stadtrand. Er kennt diesen Ort, Wahlkampfroutine, "letztes Mal vor sieben Jahren war es total verschneit hier". In diesem grauen Winter muss Jung in Grünau gar nicht viel tun, um für Stimmen zu kämpfen. Eine ältere Dame ist vor allem erfreut, ihn mal live zu sehen. "Ach Mensch, der Herr Bürgermeister. Stehen Sie hier einfach, so öffentlich. Ich meine, Sie sind ja ein bekannter Mann." Jung grinst ein bisschen und fragt zurück: "Wenn ich es nicht machen würde, was würden denn dann die Leute sagen?" Die Frau: "Na, die würden sagen, der ist eingebildet und großkotzig." "Eben", sagt Jung und zwinkert ihr zu.

Den Straßenwahlkampf erledigt er wie der Lokalshowmaster, der er auch ist: Seit 14 Jahren regiert der SPD-Mann als Oberbürgermeister Leipzig. Bei der Wahl am 2. Februar bewirbt er sich um die dritte Amtszeit. Aktueller Status seiner Stadt: die quirligste Großstadt im Osten. Linker als der Rest von Sachsen. Boomtown mit Wachstumsschmerzen. Etwa 600.000 Einwohner hat die Stadt inzwischen, die Zahl ist zuletzt schnell gestiegen, nun soll an der Lebensqualität geschraubt werden. Das ist ein Versprechen vieler Kandidaten in diesem Wahlkampf.

Das kleine Berlin, so sieht auch Burkhard Jung die Stadt gern. Die Nebenwirkungen: steigende Mieten, dichter Verkehr, volle Schulen und Kitas, ein Nebeneinander von Kontrasten. Da sind die Studentenkieze, die teuer sanierten Straßenzüge, die Platten draußen in Grünau. Hier ist Jung umringt von Rentnerinnen und Schichtarbeitern. Es geht um niedrige Löhne, Alltagsrechnereien um jeden Cent und Turbulenzen im Viertel.

Eine Seniorin beschwert sich über Störer. "Die sitzen bis tief in die Nacht vorm Dönerladen, pinkeln in die Ecken, schrecklich." Jung hört zu, auf die Schnelle weiß er auch keine Lösung. "Das sind die jungen Kerle, oder? Die Konflikte sind hier zu verdichtet. Da muss man was tun." Eine junge Frau, die als Pflegerin arbeitet, beklagt sich über Parkgebühren, wenn sie im Dienst unterwegs ist. Auch da kann der OB nur versprechen, sich zu kümmern. Wählen wird ihn die Frau trotzdem: "Weil er gute Sachen macht und bürgernah ist." Zum Schluss will sie noch ein Autogramm. "Ich sehe Sie ja sonst nur im Fernsehen."

Burkhard Jung, 61 Jahre, gebürtiger Westfale, seit Anfang der Neunzigerjahre in Leipzig, ist in der Favoritenrolle. Eine Umfrage der Leipziger Volkszeitung sieht ihn mit etwa 35 Prozent deutlich vorn. Das liegt zwar auch daran, dass ihn die Leipziger kennen. Aber ihn verfolgt in diesem Wahlkampf auch ein Vorwurf: Amtsmüdigkeit.  

"Ich war damals tatsächlich ein bisschen ausgelaugt"

2018 wollte Jung sich aus der Politik verabschieden und Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands werden, ein hochdotierter Posten. "Ich war damals tatsächlich ein bisschen ausgelaugt", gibt er zu. Schlüsselmoment für diese Entscheidung sei eine wütende Diskussion in einer Kirche zu einem geplanten Moscheeneubau gewesen. "Wahnsinn, so ein Hass, der da zu erleben war. Das ging bei ähnlichen Terminen zu Migrationsdebatten so weiter", sagt Jung. Hinzu kam, dass er und seine Frau ein Kind erwarteten. "Da habe ich gedacht, komm, jetzt ist genug. Jetzt machst du was Ruhigeres. Nicht immer mit Sicherheitsmaßnahmen und all dieser Aufregung." 

Am Ende fiel die Sparkassen-Entscheidung gegen Jung aus. Er habe das als Zeichen zum Weitermachen gesehen, sagt Jung. Er blieb Oberbürgermeister und sagte einer neuen Kandidatur zu. "Leipzig ist so eine tolle Stadt, mit neuen Entwicklungen und Erfolgen, das motiviert mich."

Ruhiger ist es nicht geworden. Das Schlagwort "Linksextremismus" begleitet den Wahlkampf. Nach mehreren Brandanschlägen und gewalttätigen Angriffen in den vergangenen Monaten wurde die Soko Linx gegründet – mit Fokus auf Leipzig. Sicherheitsbehörden vermuten radikalisierte Milieus in der Stadt. Große Ermittlungserfolge gibt es bisher noch nicht. Die Silvesternacht in Leipzig-Connewitz hat die Debatte weiter aufgeheizt. Es gab Angriffe auf Polizisten, verletzte Menschen in der feiernden Menge. Wer was falsch gemacht hat, darüber wird seither gestritten.

Dann eskalierte am vergangenen Wochenende eine Demonstration gegen das Verbot der Internet-Plattform linksunten.Indymedia. Aus einer zunächst friedlichen Menge warfen Vermummte Pflastersteine und Böller, verletzten Polizisten, zerstörten Autos, eine Haltestelle und Ladenfenster. Burkhard Jung und die Kandidaten der CDU, der Linken und der Grünen hatten vor der Demo gemeinsam zu einem friedlichen Protest aufgerufen. Danach äußerten sie sich entsetzt über den Gewaltausbruch. "Was geht in Menschen vor, die so hassen?", fragte Jung. "Sie wüten gegen alles, alles, für das wir täglich eintreten: gegen Respekt, gegen Demokratie und Rücksicht und Toleranz ... dagegen sind Anarchie, Meinungsdiktatur, Menschenverachtung, Gewalt in Wort und Tat ihre Merkmale."

Auch an seinem Wahlkampfstand in Grünau kann Burkhard Jung der Debatte, die Leipzig seit Monaten beschäftigt,  nicht ganz entgehen. "Räumen Sie endlich mal auf der Stockartstraße auf!", ruft ihm ein Rentner im Vorbeigehen zu. Jung grüßt nur kurz zu ihm herüber. Die Stockartstraße liegt mitten in Connewitz, das Viertel wird oft als Synonym für das linke Leipzig herangezogen. Jung hat bis vor Kurzem selbst in dem Stadtteil gewohnt. Man hört von ihm Loblieder auf den Kiez, die linke Szene, den bunten Alltag. Er wolle sich nicht daran beteiligen, Connewitz zu verdammen. Wenn es allgemein um "Linksextremismus" in der Stadt geht, sind aber auch seine Worte in den letzten Monaten schärfer geworden. Es gäbe Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über "ein hartes, kleines, kriminelles und gewaltbereites Netzwerk". Nach dem Überfall von vermummten Tätern auf eine Immobilienmitarbeiterin sprach er von "Terror".