ZEIT ONLINE: Herr Schultze, Sie sind Polizeipräsident in Leipzig. Den Stadtteil Connewitz hat die Polizei schon länger im Fokus wegen des Verdachts von linksradikalen Milieus. Warum ist die Silvesternacht in Connewitz nun derart eskaliert?

Torsten Schultze: Eigentlich waren wir vor dem Einsatz guter Dinge. Sie werden in den Nachrichten Bilder finden, wie Polizisten am Anfang des Silvesterabends ohne Helm am Connewitzer Kreuz standen. Wir hatten geglaubt, es könnte alles relativ friedlich verlaufen. Wobei im Nachhinein dieser Glauben trügerisch war, wenn man sich anschaut, was seit September in der Stadt passiert ist. Es gab mehrere Brandanschläge mit mutmaßlich linksextremem Hintergrund, Angriffe auf Menschen, auf Baustellen, auf Häuser, auf Polizeibeamte. Ich war selbst in der Silvesternacht nicht vor Ort, aber für mich setzt sich das Geschehen nach bisherigem Kenntnisstand so zusammen: Vor Mitternacht war die Lage relativ ruhig. Um 0.15 Uhr nahmen die Ereignisse dann einen verhängnisvollen Lauf, indem Menschen versucht haben, in Richtung von Polizeibeamten einen brennenden Einkaufswagen zu schieben. An dem Wagen war ein gemaltes Polizeibild angebracht. Die Optik war: Polizeiautos brennen. Daraufhin wurden Polizeibeamte beworfen, mit Böllern und Steinen. Drei Beamte wurden dabei leicht verletzt, ein Beamter schwer, sodass er bewusstlos wurde. Aber selbst in dieser Szene wurde er noch attackiert.

Torsten Schultze ist Polizeipräsident in Leipzig. © [M] Pawel Sosnowski/​dpa

ZEIT ONLINE: Welche Verletzungen hat der Polizist?

Schultze: Das ist für uns eine kritische Frage. Wir haben in der anschließenden Pressemitteilung benannt, dass es danach eine Not-OP gab, aber das ist für uns im Grunde eine laienhafte Sache, weil wir ja keine Ärzte sind. Es gibt um dieses Wort Not-OP nun eine Deutungsdebatte. Ich habe mich noch mal schlau gemacht, aus unserer Sicht kann der Begriff stehenbleiben, wenn es alles so stimmt, wie ich es annehme. Der maßgeblich betroffene Beamte war bewusstlos, blutete stark, musste, noch immer bewusstlos, von der Straße gezogen und durch seine Kollegen erstversorgt werden. Zudem bestand danach das Erfordernis einer dringlichen Operation. Eine Not-OP im engeren Sinn der ärztlichen Handlung gegen eine lebensgefährliche Verletzung lag nicht vor. Hier ist unsere Pressemeldung offenkundig nicht ganz eindeutig und es wäre besser gewesen, von einem dringlich erforderlichen Eingriff zu sprechen, was aber noch immer eine Not-OP im weiteren Sinn ist. Diesen Umstand räumen wir unumwunden ein. Wer allerdings ableitet, der Beamte habe nur eine harmlose Wunde davongetragen, verkennt das Ausmaß der gegen ihn eingesetzten Gewalt und deren Folgen.

ZEIT ONLINE: Es gibt einen taz-Bericht, der die Verletzungen leichter erscheinen lässt, der Polizist habe lediglich unter lokaler Betäubung behandelt werden müssen, der Begriff "Not-OP" sei nicht angemessen.

Schultze: Ich habe mir die Ohren des Kollegen noch nicht angeschaut, er war am Kopf verbunden, ist es auch jetzt noch. Ich war selbst in der Klinik und ein Arzt hat mir gesagt, dass ein Ohr des Polizisten fast abgerissen und wieder angenäht wurde. Dann heißt das für mich, das war eine dringliche Operation. Denn wenn man das nicht tut, was passiert denn dann? Deshalb ist das für mich nun im Nachgang ein semantischer Streit, den ich nicht nachvollziehen kann. Wie das Universitätsklinikum Leipzig heute bestätigt hat, erfolgte erstens keine autorisierte Kundgabe der Krankendaten und wären diese zweitens auch inhaltlich falsch. Die Wundversorgung war sofort zu veranlassen, weil sonst bleibende Schäden nicht auszuschließen gewesen wären.

ZEIT ONLINE: Was ist genau passiert in dem Moment, als Ihre Beamten den brennenden Polizei-Einkaufswagen zum ersten Mal sahen?

Schultze: Mein Kenntnisstand ist bisher, dass der Wagen auf Beamte zugeschoben wurde. Diese haben versucht zu handeln, dabei wurden sie von ihrer Gruppe getrennt. Und diese Gelegenheit haben die Verbrecher, anders kann ich diese Leute nicht nennen, genutzt, um die Beamten zu attackieren. Wie es konkret zu den Verletzungen gekommen ist, da muss ich mich noch zurückhalten, das wird noch ermittelt. Wir wissen auch noch nicht genau, was mit dem Helm des schwerverletzten Kollegen passiert ist. Wir gehen davon aus, dass der Helm von seinem Kopf gerissen wurde, denn anders kommt man ja nicht an die Ohren heran, aber die genauen Umstände müssen noch geklärt werden.

ZEIT ONLINE: In der Nacht wurden zehn Personen vorläufig festgenommen, unter anderem wegen Verdachts auf Landfriedensbruch. Keine der Personen steht allerdings im Zusammenhang mit der schweren Verletzung des Polizisten.  

Schultze: Wir gehen von einem geplanten und organisierten Angriff aus. Damit begann die Eskalation, zuvor war es ja überwiegend friedlich. Die Attacke mit dem Einkaufswagen kam in kürzester Zeit, von etwa 20 bis 30 vermummten Personen. Die Angreifer kamen schnell und verschwanden danach sofort wieder in der Dunkelheit, in der Silvesterböllerei, im Rauch. Das macht das polizeiliche Handeln natürlich sehr schwer. Uns ging es in diesem Moment auch in erster Linie darum, die verletzten Kollegen, die zu Boden gegangen waren, zu schützen und zu bergen. Da musste die Verfolgung der Tatverdächtigen zunächst zurückstehen.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei jemanden aus der mutmaßlichen Tätergruppe im Nachhinein entdeckt?

Schultze: Das wird sich zeigen. Wir haben anschließend den Tatort abgesperrt. Wir haben versucht, Spuren zu sichern an dieser Stelle. Wir werden Videoaufnahmen und Zeugenhinweise auswerten.

ZEIT ONLINE: Es wurde zunächst wegen versuchten Totschlags ermittelt, dann wegen Verdachts des versuchten Mords. Auf welcher Grundlage wurde der Ermittlungsverdacht verändert?

Schultze: Der Verdacht wurde nicht durch uns verändert, sondern durch die Staatsanwaltschaft und durch die Schilderungen der Polizisten, die vor Ort waren. Ob sich der Verdacht am Ende hält, das ist Sache der Staatsanwaltschaft. Dazu kann ich nichts sagen.

ZEIT ONLINE: Seit der Silvesternacht gibt es einen Deutungskampf. Wer hat angefangen? Wer ist schuld, dass es zu dieser extremen Lage kam? Polizisten oder Randalierer auf den Straßen?

Schultze: Ich finde es sehr spannend, was ich so lese und höre. Ausschlaggebend war das Geschehen während dieses verbrecherischen Überfalls. Es gibt aber auch Menschen, die jetzt sagen, die Eskalation sei von der Polizei ausgegangen, die Polizei hätte das Connewitzer Kreuz verlassen müssen, damit die Lage nicht eskaliert. Das kann doch aber wohl nicht sein. Wir müssen doch auf dem Kreuz bleiben, um erstens unsere Kollegen nach einem solchen Angriff zu bergen und zweitens, um Straftaten zu verhindern. Ich kann nicht glauben, dass die Gesellschaft möchte, dass wir weglaufen, wenn Straftaten passieren. Unsere Leute wurden auch noch während dieser Ereignisse mit Böllern und Flaschen attackiert. Das kann ich nicht akzeptieren. Wenn meine Beamten weggelaufen wären, dann hätte ich sie zur Verantwortung gezogen. Zudem käme solches auch einer Kapitulation des Rechtsstaats gleich.