ZEIT ONLINE: Sie haben sich nun in einem Interview für Jamaika ausgesprochen. Sie wollen also lieber mit den Grünen als mit der SPD regieren? Richtig?

Von Beust: Ja. Auf Bundesebene ist die SPD auf dem Abstellgleis, und hier in Hamburg sind die Sozialdemokraten unheimlich hochmütig. Die glauben wirklich, sie seien die Einzigen, die es könnten. Mit einer solchen Partei sollte man nicht koalieren wollen. Die haben keine Idee, wo Hamburg in zehn Jahren stehen soll. Ich muss ja nicht alle Ideen der Grünen teilen. Aber dass sie sich innovative, perspektivische Gedanken machen, ist nicht zu leugnen. Die SPD verwaltet nur, ist ausgelutscht und großkotzig. Daher habe ich Sympathien für Jamaika.

ZEIT ONLINE: Das hieße: unter Grünen-Führung. Die CDU wäre dann Juniorpartner. Oder haben Sie noch Hoffnung, stärkste Kraft zu werden?

Von Beust: Nein, das halte ich für unrealistisch angesichts der Umfragen.

ZEIT ONLINE: Sie sind also für die 42-jährige Grünenpolitikerin Katharina Fegebank als neue Erste Bürgermeisterin? Derzeit hat sie das Amt der Stellvertreterin inne.

Von Beust: Ich kenne Frau Fegebank schon lange. Das ist eine respektable Frau, die nicht alles durch die grüne Brille sieht.

ZEIT ONLINE: Trauen Sie ihr das Amt zu?

Von Beust: Meine Güte, warum denn nicht? Ja, natürlich, selbstverständlich.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie ihren Politikstil beschreiben?

Von Beust: Sie denkt über die Parteigrenzen hinaus. Sie ist nicht festgefahren, kennt die Schmerzgrenzen der anderen Parteien. In der Ausstrahlung ist sie überaus herzlich. Und sie denkt in langfristigen Abschnitten und nicht nur machtpolitisch kurzfristig. Natürlich fehlt ihr noch Regierungsroutine in einem Spitzenamt. Aber wie soll man die bekommen, ohne irgendwann anzufangen. Immerhin ist sie Senatorin. 

ZEIT ONLINE: Zu links oder ideologisch kommt sie Ihnen nicht vor? Diese Kritik hört man aus Ihrer Partei.

Von Beust: Das habe ich nie so empfunden. Die Grünen selbst sind in Gefahr, dass sie zu dirigistisch werden und ihre Ziele zu absolut sehen und sich moralisch überhöhen. Das darf man nicht mitmachen, völlig klar. Aber man kann auch nicht übersehen, dass sie Themen zu einem Zeitpunkt entdeckt haben, als die anderen Parteien nur darüber gelacht haben: Von der gesunden Ernährung, über Klimaschutz bis hin zu Frauenrechten. Das sind Themen, über die heute alle reden.

ZEIT ONLINE: Fegebank wäre auch die erste Frau an der Spitze Hamburgs. Was würde das für die Stadt bedeuten?

Von Beust: Mann oder Frau - das ist kein Kriterium mehr. Die Zeiten sind vorbei. Ich kenne das selber. Bei mir hieß es, das ist der erste schwule Ministerpräsident der CDU. Letztlich ist das völlig unerheblich.

"Das hat die SPD gut gemacht. Respekt."

ZEIT ONLINE: Wie nehmen Sie Ihren Nach-Nachfolger Peter Tschentscher wahr? Verkörpert der auch diese Machtarroganz, so wie Sie die Hamburger SPD eben beschrieben haben?

Von Beust: Es gilt in Hamburg der Komment, dass man über seine Nachfolger und Vorgänger nicht öffentlich spricht – ich halte mich daran.

ZEIT ONLINE: Die Bilanz der SPD ist ja nicht schlecht, was den sozialen Wohnungsbau oder den Umgang mit der Flüchtlingskrise angeht. Die Wirtschaft boomt. Inhaltlich spricht nicht viel gegen sie.

Von Beust: Na ja: man sollte das G20-Desaster oder das Scheitern bei der Volksabstimmung zu den olympischen Spielen nicht vergessen. Mein Hauptpunkt ist, dass sie keine Idee für die Zukunft hat. Das mit dem Wohnungsbau haben die gut gemacht, Respekt. Hamburg ist halb so groß wie Berlin und hat mehr als doppelt so viele Baugenehmigungen.

ZEIT ONLINE: Keine wirkliche Rolle spielt in diesem Wahlkampf Ihre CDU. Zum TV-Duell ist ihr Spitzenkandidat gar nicht erst eingeladen worden. Woran liegt das?

Von Beust: Es ist eine schwierige Ausgangslage. Hier ist die Frage, wer wird stärkste Partei: SPD oder Grüne? Dabei geht die CDU unter. Dafür kann der Spitzenkandidat nichts.

ZEIT ONLINE: Herr Weinberg ist relativ unbekannt. Wie macht man sich in Hamburg bekannt? Sie haben das ja auch geschafft.

Von Beust: Aber ich war vorher acht Jahre Oppositionsführer. Die Zeit haben wir gezielt genutzt, ein Profil aufzubauen. Ich habe schon in den Neunzigerjahren Schwarz-Grün angesprochen, was damals ein Skandal war. Ich glaube, die Hamburger CDU hat ein bisschen das Problem, dass nach dem Abgang von mir und anderen der Wunsch ausgeprägt war: Jetzt sind die Liberalen weg. Jetzt machen wir CDU pur. Das ist aber von den Wählern nicht goutiert worden. Herr Weinberg hat jetzt durchaus ein sozialpolitisches Profil. Aber es braucht Zeit, damit es für die ganze Partei auch so wahrgenommen wird.  

ZEIT ONLINE: Und dass Ihre Partei schlicht auf die falschen Themen setzt?

Von Beust: Nein, es ist eher eine Frage der Wahrnehmung. Wenn ich mir die Mühe mache und ins Wahlprogramm reinschaue, dann sieht man eine ganze Menge kluge Dinge. Nur leider liest das kein Mensch.

ZEIT ONLINE: Was Sie jetzt nicht als Grund genannt haben, ist die Bundespolitik. Spielt die auch eine Rolle, warum es der Hamburger CDU derzeit nicht so gut geht?

Von Beust: Generell ist die Unzufriedenheit mit Berlin groß. Aber das gilt ja für die SPD auch. Das ist kein Hamburger Sonderproblem.