In einem kleinen Ort in Bayern protestierte die CSU-Basis: Ein Muslim als Bürgermeisterkandidat – das war einigen zu viel. Der Unternehmer Sener Sahin zog daraufhin seine Kandidatur zurück. Dass Muslimen der Aufstieg verbaut wird: ein Einzelfall – oder ein strukturelles Problem in den C-Parteien? Seit 2017 ist Serap Güler, Tochter türkischer Einwanderer, in Nordrhein-Westfalen Staatssekretärin für Integration im Kabinett von Armin Laschet. Im Interview spricht sie davon, wie es war, als junge Muslima in der CDU Karriere zu machen. Sie glaubt: Die Unionsparteien sind eigentlich schon weiter. Der aktuelle Fall sei dennoch ein Rückschlag in der Integrationspolitik.

ZEIT ONLINE: Frau Güler, gibt es eine gläserne Decke für Muslime in den Unionsparteien?

Serap Güler: Der aktuelle Fall des verhinderten muslimischen Bürgermeisterkandidaten Senar Sahin in Bayern zeigt leider: Ja, so was kommt vor. Als Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und stellvertretende Parteivorsitzende der CDU Köln habe ich diese gläserne Decke aber selbst nie erfahren. Als ich 2012 nach Köln kam, kannte ich hier zwar niemanden, wurde aber gleich mit offenen Armen empfangen. Das hat aber sicherlich auch damit zu tun, dass die CDU in Köln sehr weltoffen und in vielem weiter ist.

ZEIT ONLINE: Der Unternehmer Sener Sahin war vom Ortsvorstand der CSU in Wallerstein gefragt worden, ob er antritt. Sahin sagte zu, nach Protesten von der Basis zog er zurück. Die CSU geht stattdessen ganz ohne Spitzenkandidat in die Bürgermeisterwahl. Haben Sie das Gefühl, dass sich viele Migranten vielleicht schon vorher abschrecken lassen und gar nicht erst kandidieren?

Güler: Erst mal finde ich es unfassbar, dass man sagt: "Lieber gar keinen Kandidaten als einen Muslim." Das macht mich wirklich traurig. In Nordrhein-Westfalen habe ich diese Erfahrung nicht gemacht. Ich kenne viele Menschen mit Migrationsgeschichte, die gerne kandidieren möchten. Und viele lassen sich auch zur Kommunalwahl im September aufstellen und kämpfen um Sitze in den Rathäusern. Gründe, von einer Kandidatur abzusehen, sind oft Selbstzweifel – ganz unabhängig vom Glauben oder der Migrationsgeschichte. Vor allem Frauen sagen noch zu oft, ich traue mir das nicht zu, das ist nichts für mich.

"Ich habe das C nie als 'Christen-Klub' verstanden"

ZEIT ONLINE: Muss man als Volkspartei damit leben können, dass manche Regionen "einfach noch nicht so weit sind", wie Sahin es selbst ausdrückte – oder begegnet man dem offensiv? Und wie könnte das gelingen, ohne Trotzreaktionen zu provozieren?

Güler: Als ich 2012 gefragt wurde, ob ich den Wahlkreis in Köln zur Landtagswahl übernehmen möchte, habe ich mich bei jedem Ortsverein in diesem Kreis vorgestellt. Bei einer Veranstaltung meldete sich ein Herr um die 80. Er fragte, welchen Glauben ich habe. Als ich sagte, ich sei Muslima, stellte er direkt die nächste Frage: Wann ich denn gedenke, zu konvertieren. Es war für ihn keine Frage des Ob, sondern des Wann. Ich erklärte ihm dann, dass ich nicht vorhätte, zu konvertieren. Schließlich hat mich dieser Herr nicht nur stark im Wahlkampf unterstützt. Wir umarmen uns heute auch jedes Mal, wenn wir uns sehen.

Also: Es mag bei manchen Menschen Vorbehalte geben, die wenig Kontakt zu anderen Glaubensgemeinschaften haben. Da muss man Überzeugungsarbeit leisten. Das kann der Kandidat tun, er braucht dafür aber auch Unterstützung. 

ZEIT ONLINE: Aus der CSU-Führung gab es Unterstützung für den verhinderten Kandidaten. Besteht da die Gefahr, dass eine Volkspartei zwischen oben und unten zerreißt?

Güler: Nein, es kommt immer auf das Wie an. Es hat ja keiner aus der CSU-Spitze von oben herab gesagt, Senar Sahin wird jetzt der Kandidat und fertig. Aber wäre der Parteivorstand früher eingeschaltet worden, hätte man alle an einen Tisch holen und vermitteln können. Man muss natürlich versuchen, die Basis mitzunehmen. Und diejenigen, die sich hinterher immer noch absolut verweigern, die müssen sich – das hat Dorothee Bär ganz richtig gesagt – vielleicht fragen, ob sie in der richtigen Partei sind.

ZEIT ONLINE: Sahin ist mustergültig integriert. Besteht die Gefahr, dass solche Fälle Frust unter Migranten hervorrufen können?

Güler: Integrationspolitisch ist das Gift. Migranten könnten den Eindruck bekommen: Man kann es bis zum erfolgreichen Unternehmer schaffen, man kann fließend Deutsch sprechen, man kann ein Paradebeispiel für gelungene Integration sein. Aber selbst dann kommt irgendjemand, der sagt, nur aufgrund des Glaubens dürfe man nicht antreten. Das hieße ja, dass man sich überhaupt nicht mehr um Integration bemühen müsste. Ein fatales Signal!

ZEIT ONLINE: Hat Sie das C im Parteinamen eigentlich nie abgeschreckt?

Güler: Nein, überhaupt nicht. Als gläubiger Mensch hat es mich eher motiviert, der CDU beizutreten als einer anderen Partei, die vielleicht mit Religion nicht so viel zu tun hat. Ich habe die CDU nie als "Christen-Klub" verstanden. Ich sehe das "C" als eine Ableitung für die politische Haltung des christlichen Menschenbildes. Und wer sich mit dem christlichen Menschenbild beschäftigt, merkt: Da kann sich auch ein Atheist genauso wiederfinden wie ein Mensch anderen Glaubens. Jeder, dem Verantwortung gegenüber Mitmenschen oder Gott oder beiden wichtig ist, kann sich in der CDU wiederfinden. Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit sind für uns Grundwerte, die nicht verhandelbar sind. So ein Vorfall wie jetzt in Wallerstein darf nicht dazu führen, dass Menschen sich von uns abwenden. Es gibt ja im Gegenteil auch ganz viele Positivbeispiele von Menschen mit Migrationsgeschichte in der CDU.