Es gibt Positionen, die sind vollkommen absurd, aber weil sie so viele mit ernsten Gesichtern aussprechen, hat man sich fast an sie gewöhnt. Menschen, die "Nazis raus" sagen, linksradikal zu nennen, ist so eines dieser Dinge. Ein anderes ist es, die Linkspartei und die AfD gleichzusetzen. Sie getreu der Extremismustheorie gleichermaßen als Gefahr für die Demokratie zu beschreiben.
Beide Positionen sind vor allem im konservativen Spektrum beheimatet, und letztere sitzt vor allem bei der CDU seit Langem derart fest, dass man kaum noch Lust hat, darüber zu streiten. Doch offenbar muss es mal wieder sein. Denn was jahrzehntelang eine Art politischer Folklore ohne reale Konsequenzen war, droht vor allem im Osten ganze Bundesländer unregierbar zu machen. Oder schlimmer: die AfD mittelfristig an die Macht zu bringen.
In Thüringen zum Beispiel hat die Gleichsetzung von linkem und rechtem Rand bewirkt, dass das Land seit Monaten keine klare politische Zukunft hat. In seinem Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt deutet sich die nächste große Debatte an, wenn dort 2021 gewählt wird. Schon jetzt kämpfen Teile der Partei mehr oder weniger offen für eine Koalition mit der AfD.
Die Linke hat nicht das System verändert
Natürlich, man kann als Christdemokrat gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken sein, weil sie auf den meisten Politikfeldern tatsächlich eine diametral entgegengesetzte Politik vertritt. Nur gibt es eine Sache, die noch wichtiger ist als Windräder, Bildungspolitik und innere Sicherheit: Das Verhältnis zur pluralen Demokratie. Das ist die Hardware, und da gibt es mehrere ganze entscheidende Unterschiede zwischen der Linkspartei und der AfD.
Die Linke hat sich in ihrer überwiegenden Mehrheit seit 1989 mit wachsendem Erfolg in die bundesdeutsche Demokratie integriert, ohne ihre Spielregeln grundlegend infrage zu stellen. Man könnte sogar sagen, sie hat geholfen, die Wendewut vieler Ostdeutscher ins geordnete demokratische Verfahren zu übertragen. Ähnlich wie die Grünen ist die Linkspartei einen Weg fortlaufender Anpassung gegangen. Weniger hat die Linke das System verändert als umgekehrt.
Auf der anderen Seite gibt es die AfD, deren Vorstellungen von Demokratie denen Viktor Orbáns ähneln. Bürger nichtweißer Hautfarbe, nichtchristlichen Glaubens oder nichtrechter Einstellung sind in ihrem Weltbild keine richtigen Bürger, sondern der innere Feind. Dementsprechend müssen die Öffentlich-Rechtlichen sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen von nichtrechten Einflüssen befreit werden. Die AfD fügt sich nicht ins demokratische Spektrum ein, sondern sie radikalisiert sich immer weiter. Wer glaubt, eine Regierungsbeteiligung könne sie zähmen, der hat nicht verstanden, dass die Partei Bestandteil eines internationalen rechten Netzwerkes ist, das dabei ist, die Demokratien des Westens von innen auszuhöhlen und zu minderheitenfeindlichen Mehrheitsdiktaturen umzubauen.
Kommentare
Faktura
#1 — vor 3 WochenWir dürfen die Anhänger und Wähler der AfD nicht von oben herab betrachten, sondern müssen sie abholen und mitnehmen.
Wurstkuchlbub
#1.1 — vor 3 WochenAbholen und mitnehmen: ja.
Miteinander diskutieren: unbedingt.
Sie aber tragen und sich da hin dirigieren lassen, dass es ihnen am besten passt ohne Rücksicht anderer: klares nein.
vincentvision
#2 — vor 3 WochenDas Schüren von Ängsten und das Gleichsetzen von links - und rechtsextrem ist pure, sehr offensichtliche Strategie im rechten Lager.
Jeder der klaren Verstandes ist, kann sehen, was die AfD will.
Der menschenfeindliche Rassismus eines Gaulands und einer Weidel, die verrohte antilinke Sprache eines Meuthen, der Rechtsextremismus eines Höcke und die verbale und offene Gewalttätigkeit in allen AfD-nahen sozialen Medien sprechen eine überdeutliche Sprache.
Ihre ultranationalliberale Ausrichtung, ihr Einteilen in Menschen erster und zweiter Klasse und ihr Anzweifeln der Grundrechte kann kein Zweifel daran lassen, was die Ziele der AfD sind.
Und diese schalen Versuche ihrer Fans, rechts und links zu relativieren oder die Schuld anderen zuzuschieben und sie umzukehren, beleidigen den Intellekt der neun Zehntel der Wähler, die sie nicht gewählt haben.
Derjenigen, die in dieser rechten Parallelgesellschaft eine deutliche Gefahr für Deutschland sehen.
Denn wer sich rechtsradikales Gedankengut zu eigen macht, ist rechtsradikal.
Wer aus persönlichen Gründen, aus Denkzettelmentalität, aus Systemfrust, einfach „diesmal die AfD wählt“, macht sich mit diesem Denken, mit Rassismus und Rechtsextremismus gemein.
Und er darf sich nicht wundern, dass es jetzt schon brennt, wenn Brandstifter Einfluss und Macht bekommen.
MidwayEques
#2.1 — vor 3 Wochen"Das Schüren von Ängsten und das Gleichsetzen von links - und rechtsextrem ist pure, sehr offensichtliche Strategie im rechten Lager."
An sich schon, wenn links mit rechtsextremen gleichgesetzt wird.
Nur linksextrem kann man tatsächlich wiederum mit rechtsextremen gleichsetzen.
Es ist ein Mythos zu behaupten, es gäbe hier einen Unterschied und die linksextremistische Seite wäre im weiten humaner und auch akzeptabel.
Wer das Hufeisen als rechte Argumentation abtut, relativiert und verunglimpft die Milionen an Opfer.
Dr. Ole De These
#3 — vor 3 WochenIn Anspielung auf einen anderen ZON-Kommentar sollten wir bei diesen Personen sicher "Linkshysterie" diagnostizieren.
Wurstkuchlbub
#3.1 — vor 3 WochenUnbedingt
lukeichbindeinvater
#4 — vor 3 WochenSchon lustig. Weil viele Menschen im Osten ihrer kollektiven Identität die Indoktrinierung durch das NS Regime nie aufarbeiten und das Trauma durch die darauf folgenden Linksfaschisten nie überwinden konnten, laufen sie den neuen Rechtsfaschiszen zu.
Das ist etwa so wie eine Frau, die sich immer wieder einen Mann sucht, der sie verprügelt und betrügt.
Leid tut es mir für die Menschen im Osten, die Opfern von denn hierdurch bestätigten rechtsradikalen Gewalttätern werden und denen, die zu Unrecht mit den rechten in ihren Bundesländern in einen Topf geschmissen werden.
plötzlich linksextrem
#4.1 — vor 3 WochenTreffendes Bild