Nach der präzedenzlosen Wahl des FDP-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD lässt sich gerade in Echtzeit beobachten, wie politische Skandale mutieren: Beim Thüringen-Talk bei Anne Will, Sonntagabend nach dem Tatort, ging es eigentlich nur noch um die Haltungsnoten.

Dabei wären noch ein paar grundlegende Fragen ungeklärt: Wie kam es zur Wahl? War es ein abgekartetes Spiel? Im Internet sorgt gerade ein Text für großes Aufsehen, den ein enger Vertrauter des Thüringer CDU-Chefs Mike Mohring drei Tage vor der Ministerpräsidentenwahl am vergangenen Mittwoch geschrieben hat – und der sich im Rückblick wie eine Anleitung liest für das, was dann geschah.

Dann gibt es da noch zwei Gedankenpfade, die sich aus Thüringen ergeben und sich zu beschreiten lohnen, weil sie für unsere Demokratie entscheidend sind: Was bedeutet es, wenn ein Faschist einen Ministerpräsidenten wählt? Dieser Zipfel wurde publizistisch schon ganz gut ausgeleuchtet.

Diffuser wird es in der anderen Richtung: Was bedeutet es eigentlich, wenn sich eine Kanzlerin in eine Landtagsabstimmung einmischt, ja diese "rückgängig" machen will? Was bedeutet es, wenn drei Koalitionspartner in Berlin darüber bestimmen, dass ein Ministerpräsident – von einer anderen Partei – sofort zurückzutreten hat, was der dann auch prompt macht? Zumal eben das alles nicht zu fordern für die Kanzlerin und für die Berliner Großkoalitionäre erst recht keine Alternative gewesen wäre – angesichts der Begleitumstände dieser Wahl. Ganz heikle Angelegenheit.

Aber zu all diesen Fragen weiß man auch nach dieser TV-Stunde nicht viel mehr. Das war eigentlich schon mit Blick auf die Besetzung klar: Da saß keiner in operativer Verantwortung, weder für das Geschehene noch für das Kommende.

Da ist einmal Peter Altmaier. Der CDU-Wirtschaftsminister gilt zwar als Intimus der Kanzlerin, aber selbst die hat sich ja erst im dritten Akt ins Thüringer Drama eingeschaltet. Ohnehin laufen die Fäden in dieser Sache nicht im Kanzleramt zusammen, sondern bei Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer im Konrad-Adenauer-Haus. Für die strategische Machtbalance in der CDU spielt Altmaier keine große Rolle mehr.

Altmaiers Momente: Altmaier müht sich für seine CDU und macht das nicht mal schlecht. "Thüringen war ein Fehler, aber wir haben diesen Fehler korrigiert", sagt er. Er appelliert an die anderen Parteien: "Wir haben jetzt eine gemeinsame Verpflichtung, mit dem Tricksen aufzuhören." Nur dann soll er die berühmte Hufeisentheorie erklären, nach der für die CDU sowohl AfD als auch Linkspartei indiskutabel sind. Die Linke lehne man wegen Inhalten und ein bisschen SED-Vergangenheit ab, die AfD, weil sie eine "Gefahr für die politische Kultur" sei, sagt Altmaier. Warum der entsprechende Parteitagsbeschluss dann doch nicht für Daniel Günther gilt, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein und Befürworter einer Zusammenarbeit mit der Linken, kann er dann aber nicht erklären.

Alice Weidel ist Fraktionschefin der AfD, allerdings im Bundestag, weit weg von Erfurt. Und im Parlament gilt sie obendrein nicht als das eigentliche Zentrum der Partei. Dass sie wirklich ermessen könnte, was Björn Höcke spielt, darf man bezweifeln.

Weidels Auftritt: Immer wieder lacht sie höhnisch dazwischen. Dass Merkel die Kemmerich-Wahl verurteilt, erinnere sie an die DDR. "Warum schreien Sie denn alle so? Alle schreien immer so …", sagt Weidel, als sich das Studio empört. "Das ist ja unglaublich", wiederholt sie immer wieder. Als sie erklären soll, warum sie Höcke nicht für einen Nazi hält, antwortet sie, sie empfinde die ganze Nazidebatte – die tatsächlich recht erkenntnisarm zehn Talkminuten füllt – als Verleumdung: "Damit befinden wir uns in einer altstalinistischen Kultur, das verbitte ich mir." Dann verspricht sie noch, dass die AfD niemals Bodo Ramelow wählen werde – eine entsprechende Empfehlung ihres Co-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland sei "ironisch".

Wolfgang Kubicki hat als FDP-Bundestagsabgeordneter mal einen der schönsten AfD-Verrisse im Bundestag geliefert. Dem 24-Stunden-Ministerpräsidenten Kemmerich gratulierte er dann überschwänglich auf Twitter. Will man die außer Rand und Band geratenen fünf Thüringer FDP-Abgeordneten verstehen – etwa was Kemmerich geritten hat, anzutreten und die Wahl auch noch anzunehmen –, ist man bei Kubicki leider falsch.

Kubickis Momente: Er selbst hätte an Kemmerichs Stelle die Wahl nicht angenommen, sagt der FDP-Vize. Kemmerich habe auf ihn doch ein bisschen überfahren gewirkt und im Schock reagiert: "Ich bin wahrscheinlich stärker im Mentalen als Kemmerich." Warum er die Wahl erst bejubelte, kann er nicht erklären. Er sei mit dem Bundestagspräsidium gerade in Brüssel gewesen. Und schließlich hätten andere ja auch gratuliert. Stark wird Kubicki noch mal, als er darauf hinweist, dass die folgende Schadensbegrenzung das Ergebnis von zäher Überzeugungsarbeit war, nicht Befehlen: "Das sind frei gewählte Abgeordnete, es gibt keine Direktive aus Berlin."