Am Abend nach ihrem Teilrückzug aus der Zukunft der CDU lässt sich Annegret Kramp-Karrenbauer im Maskenraum des Senders RTL in den Stuhl mit der Kopfstütze sinken. Sie schließt die Augen, die Maskenbildnerin fährt mit dem Pinsel und der Puderquaste über das Gesicht der Nochvorsitzenden, wie zum Trost. Eben hat AKK, nach der Marathonsitzung in Präsidium und Bundesvorstand, im Verteidigungsministerium Viktor Orbán empfangen, den stets spöttelnden ungarischen Präsidenten, der gerade mit Blaulicht unten vorbeifährt ins Kanzleramt. In ein paar Tagen beginnt die Münchener Sicherheitskonferenz, bei der die deutsche Verteidigungsministerin eine Schlüsselrolle spielt, eine Schlüsselrede halten muss, über die dann alle "lame duck" schreiben werden.

Trotz alldem wirkt AKK da in ihrem Entspannungsstuhl keineswegs sturmreif geschossen. Sie lächelt wie jemand, dem man einen großen Rucksack mit Wackersteinen von der Schulter genommen hat. Nicht einmal die Frage nach Angela Merkel verdüstert die Stimmung. Kann es wirklich sein, dass da "kein Blatt zwischen uns passt", auch wenn die Vorsitzende doch vorhin selbst vor der versammelten Presse erklärt hat, dass die Trennung von Parteivorsitz und Kanzleramt keine gute Idee war? Dass also Merkel ihr das Leben mit einem zeitigen Rücktritt hätte leichter machen können?

Inzwischen ist sogar schon von einem "Todesstoß" die Rede, den die Bundeskanzlerin der von ihr installierten Nachfolgerin aus dem 8.000 Kilometer entfernten Pretoria verpasst habe, als sie die Thüringer Vorgänge als "unverzeihlich" geißelte. Die beiden Parteifreundinnen stellen fest, dass in den Medien ungern akzeptiert wird, was sie für die Wahrheit halten: Man kann aneinander manches unschön, kritikwürdig und blöd finden und trotzdem zusammenhalten. AKK hatte Merkel explizit gebeten, sich in dieser Frage hinter sie zu stellen – auch weil es sonst aus dem Präsidium so eine gellende Stille gab, sich praktisch niemand an ihre Seite stellte. "Wo sind eigentlich die Prätorianer?", soll AKK beim Scherbengericht im Adenauer-Haus gefragt haben. Man hat sich angesehen und festgestellt, dass eigentlich schon sehr lange alle auf eigene Rechnung unterwegs sind. Als Jens Spahn aus der Sitzung Tweets absetzte, platzte dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther der Kragen. Das soll aufhören. Künftig bleiben die Handys draußen, wie im Pentagon.

CDU - Annegret Kramp-Karrenbauer tritt zurück Die CDU-Parteivorsitzende hatte am Montag ihren Rückzug von der Parteispitze angekündigt. In Teilen der WerteUnion gäbe es keine klare Abgrenzung zur AfD. © Foto: Reuters TV

Gespenster der SPD

Ein Gespenst huschte immer mal wieder am Fenster vorbei, als die CDU-Größen tagten: die SPD. Kurt Beck, Andrea Nahles, Sigmar Gabriel – ihre Namen stehen für das Menetekel, das unter anderem Wolfgang Schäuble an die Wand malte. "Wenn wir jetzt schon jemanden benennen, der dann anderthalb Jahre lang verschlissen wird, dann brauchen wir gar nicht erst einen Kanzlerkandidaten aufzustellen", soll der Bundestagspräsident nach Angaben von Teilnehmern sinngemäß gesagt haben.

Die CSU drückt dagegen aufs Tempo. Alexander Dobrindt, CSU-Landesgruppenchef, hat Spaß am politischen Strategiespiel und erfreut die Hauptstadtpresse auch an diesem Dienstag wie in jeder Sitzungswoche mit kraftvollen Einlassungen und Weißwürsten. Den Zeitplan, den Annegret Kramp-Karrenbauer für den Prozess der Machtübergabe und Kanzlerkandidatenfindung vorgeschlagen habe – also ein Parteitag Ende des Jahres kürt den Kandidaten – den halte er für "völlig abwegig". Parteien, so Dobrindt, "müssen geführt werden". "Das muss jetzt schnell gehen." Ganz sicher ist die CSU, dass sich die Union bei Strafe ihres Untergangs (das SPD-Gespenst flattert vorbei) keine eitle "Castingtour" leisten solle. Also keine endlosen Regionalkonferenzen, keine zähe Mitgliederbefragung, kein Bitten und Betteln bei der Basis um die Stabilität und Innere Sicherheit, die man nun einmal einfach selbst herstellen müsse. "Nicht das Zelebrieren der Krise" sei jetzt angesagt. Sondern ihre rasche Lösung.