Annegret Kramp-Karrenbauer ist gescheitert, zuallererst an sich selbst. Misslungene Toilettenwitze, Rezo-Debakel, Wahlniederlagen im Osten. Zuletzt hat sie ein kleiner und eher unbedeutender Landesverband zum Narren gehalten und ihr brachial die Grenzen ihrer Durchsetzungsfähigkeit aufgezeigt. Ihre Rücktrittsankündigung mag vom Zeitpunkt her überraschend sein, konsequent ist er allemal. 

Annegret Kramp-Karrenbauer hat im Konrad-Adenauer-Haus nie richtig Tritt gefasst. Sie war angetreten, die gespaltene Partei einerseits zu versöhnen, andererseits ihre Vielstimmigkeit zu bewahren. In Zeiten aber, in denen es auch in der CDU daran mangelt, andere Ansichten zu tolerieren, musste dieser Versuch scheitern.

Nach ihrer Wahl war Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Konservativen in der Partei zugegangen. Aber mit einem einzigen Satz, nämlich dass Grenzen im Notfall auch geschlossen werden können – eigentlich eine Binse –, hat sie dann auch noch ihr eigenes Lager verloren, ohne weiter rechts auch nur ein bisschen hinzuzugewinnen.

CDU - Annegret Kramp-Karrenbauer tritt zurück Die CDU-Parteivorsitzende hatte am Montag ihren Rückzug von der Parteispitze angekündigt. In Teilen der WerteUnion gäbe es keine klare Abgrenzung zur AfD. © Foto: Reuters TV

Kramp-Karrenbauer, das ist schnell deutlich geworden, war bestenfalls eine Übergangslösung an der Spitze der CDU. Sie war eine schwache Vorsitzende und angesichts dessen kam ihr Rückzug möglicherweise gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl, die regulär Ende 2021 stattfindet. 

Einfacher aber wird es für die CDU durch Kramp-Karrenbauers Entscheidung nicht. Die Fliehkräfte, die an allen Ecken und Enden der Partei zerren, sind nicht fort. Die grundsätzlichen Fragen, die sich diese Partei stellen muss, sind unbeantwortet. Die Partei, die einst als Synonym für Stabilität im deutschen Parteiensystem stand, erodiert gerade und zwar von unten nach oben. Der Konflikt rechts gegen links – also auch die Frage, wie umgehen mit der AfD – beschreibt nur sehr unzureichend, was in der Partei wirklich vor sich geht.

In der Thüringen-Frage ist ihr auf allen Ebenen der strategische Weitblick abhandengekommen, wie das nur bei Parteien passieren kann, die überhaupt nicht mehr wissen, wer sie sind oder sein wollen.

An der Spitze des Konrad-Adenauer-Hauses grassiert zudem eine Blindheit gegenüber den Verhältnissen im Osten. Als Mike Mohring nach der Wahl in Thüringen mit der Linken reden wollte, hieß es aus Berlin nur: Kommt nicht in Frage. Und als dann Landesverband und Fraktion in Thüringen den Tabubruch forcierten und einen Ministerpräsidenten mit der AfD wählten, taten sie das entweder ohne die Konsequenzen zu erahnen – oder sie nahmen sie in Kauf. Beides wäre ein dramatisches Armutszeugnis.

15 Jahre lang hat sich die CDU auf ein Argument bei Wahlen verlassen: Dass da die Kanzlerin ist, die wird es richten. Darüber hat sie nicht bemerkt, wie schnell und grundlegend sich die politische Öffentlichkeit gewandelt hat. Das ist vermutlich die wesentlich größere Erblast als der Flüchtlingssommer von 2015.

Und es könnte noch schlimmer werden: Das Führungschaos, das nach Kramp-Karrenbauers Abgang endgültig losbrechen dürfte, könnte die CDU ebenso in den Abgrund reißen, wie es der SPD schon passiert ist. Dass es der CDU nicht ebenso ergehen wird, wie ihrer Schwesterpartei in Frankreich, von der so gut wie nichts mehr übrig ist, ist nicht ausgemacht. Wo Milieus und sonstige soziale Bindekräfte erodieren, bleibt nicht mehr viel, worauf Parteien im Fall des Unfalls landen könnten. Die SPD hat es vorgemacht. Gewissheiten gibt es nicht mehr.