Die vergangene Woche, im Thüringer Landtag. Björn Höcke hat das weiße Hemd am Hals etwas aufgeknöpft, der Schlips fehlt. Am Revers des blauen Anzugs leuchtet ein kreisrunder, hellblauer Anstecker, der sich im Internet unter derfluegel.de bestellen lässt.
Der Mann, der die Landespartei und die Landtagsfraktion der AfD führt, steht leicht erhöht hinter dem Rednerpult des Plenarsaales. Er stößt den rechten Zeigefinger energisch in die Luft, in Richtung von Bodo Ramelow. Der geschäftsführende Ministerpräsident sitzt nur wenige Meter von ihm entfernt auf der Regierungsbank. An diesem Mittwoch will er sich vom Landtag im Amt bestätigen lassen, als Chef eines rot-rot-grünen Minderheitskabinetts.
Genau das, ruft Höcke, müsse verhindert werden: "Unter Bodo Ramelow ist Thüringen ein Feuchtbiotop für Linksextremismus geworden!" Er blickt ins Halbrund der Abgeordneten, hinüber zu CDU und FDP. "Und diesen roten Gesellen wollen Sie unser Land tatsächlich noch fünf Jahre ausliefern?"
"An mir soll es nicht scheitern"
Zieht man die Demagogie ab, besitzt die Frage eine rechnerische Berechtigung. Die AfD, die ihren Stimmenanteil bei der Landtagswahl im vergangenen Oktober mehr als verdoppelte, verfügt nun über 22 Sitze. Zusammen mit den 21 Sitzen der arg gerupften CDU und den fünf Sitzen der gerade so ins Parlament gerutschten FDP ist das eine solide Mehrheit von 48 Mandaten. Rot-Rot-Grün hat hingegen nur 42.
Warum also Ramelow im dritten Wahlgang wieder ins Amt kommen lassen? Warum nicht einen Gegenkandidaten aufstellen?
Björn Höcke steckt die linke Hand in die Hosentasche, streckt
den rechten Arm nach vorne, wie ein General, der den Angriffsbefehl gibt. "Wir
könnten so viel erreichen!", ruft er Christdemokraten und Liberalen zu. Er,
Höcke, sei jedenfalls bereit, seine Karriere dem "Staatsziel" einer guten
Regierung "zu opfern", er müsse nicht vorne stehen. "Wir werden gemeinsam einen
bürgerlichen Ministerpräsidentenkandidaten finden", ruft er. "An mir soll es
nicht scheitern."
Kein neuer Höcke, nur ein Update
Der Saal reagiert geteilt. Rechts vor ihm klatscht es laut, von links johlt es höhnisch. Dazwischen, in der bürgerlichen Mitte, herrscht eher betretenes Schweigen.
Dies ist, einerseits, der typische Heiland-Höcke-Auftritt, voller Pathos, Selbstanmaßung und Opferrhetorik. Andererseits ist dies ein Angebot an Union und FDP, das er selbst einst als Kollaboration, ja als Verrat geißelte. Immer wenn die früheren AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke oder Frauke Petry über eine Kooperation mit der CDU redeten, wütete er dagegen.
Doch jetzt ist alles anders. Jetzt werden CDU und FDP umarmt. Schon wenige Tage nach der Landtagswahl schickte er einen Brief an beide Landesvorsitzenden Mike Mohring und Thomas Kemmerich. Die AfD, schrieb er, habe "stets ihre staatspolitische Verantwortung" betont. Falls es zu keiner Koalition kommen könne, schlage er vorerst eine "gemeinsam getragene Expertenregierung oder eine von meiner Partei gestützte Minderheitsregierung" vor. "Wir sind bereit, einen großen Schritt in Richtung der Union zu tun", sagte er dem Sender Phoenix am Rande des Bundesparteitags in Braunschweig.
Das ist kein neuer Höcke. Aber es ist ein Update, angepasst an die neue Situation.
Um diese neue Version zu verstehen, hilft es, knapp fünf Jahre zurückzublenden, zurück zum 14. März 2015 in die Brauereihalle in Arnstadt, keine halbe Autostunde von Erfurt entfernt. An diesem Tag wird der Landesverband, der mit einem knappen Dutzend Abgeordneten neu im Landtag sitzt, von Höcke überraschend mit einem Papier konfrontiert.
Kommentare
ScharldeGohl
#1 — vor 1 TagIhm ist jedes Mittel recht, um irgendwie an die Macht zu kommen. Und sei es nur durch die Brust ins Auge.
Oder glaubt irgendjemand, dass er nicht im Falle einer Regierungsbeteiligung der Strippenzieher im Hintergrund wäre?
Faschisten raus aus den Parlamenten!
sonika
#1.1 — vor 1 TagMehr gibt es nicht zu sagen..
SilentBob.01
#2 — vor 1 TagWar das nicht schon immer klar, bei welchen Parteien zuerst die Dämme brechen und diese die AFD hofieren?
GlobalTraveler
#2.1 — vor 1 Tag"...bei welchen Parteien zuerst die Dämme brechen und diese die AFD hofieren?"
Bei keiner, die wieder gewählt werden möchte!
Selbst Gehör für die aFD wäre schon eine Beeinträchtigung künftigen Wählervertrauens - zumindest soweit dieser Wähler ein Demokrat ist.
Fazit bislang: Höcke biedert sich bei CDU und FDP an. Die hätten sein Briefchen ungeöffnet zurück schicken sollen!
Forist mit Durchblick
#3 — vor 1 Tag"So oder so: In dieser Konstellation mit mehreren Kandidaten aus der Opposition scheint die Bestätigung von Ramelow im Amt beinahe schon garantiert." Wer spricht denn von mehreren Kandidaten? Wenn der Möhring sich zur Wahl stellen sollte dann wird er auch MP, das steht für mich fest.
Dogwalker
#3.1 — vor 1 TagWenn Mohring sich mit den Stimmen der AfD wählen lassen würde, riskiert er seinen politischen Untergang.
Das weiß er auch .
longtallman
#4 — vor 1 TagDa haben wir ihn, den Opportunisten Höcke. Er will wohl auch nur an die Geldtöpfe....sein altruistisches Getue ..."Deutschland retten"...ist nur Fassade.
einmaleingedanke
#4.1 — vor 1 Tagsagen Sie also, die AfD ist gar nicht so schlimm? Will halt auch nur an die Töpfe, wie von ganz Links bis links von der AfD? Ist das ganze Nazi geschrei am Ende also nur eine Marketingaktion, um den Geldfluss nicht teilen zu müssen?