• Annegret Kramp-Karrenbauer hat infolge der politischen Krise in Thüringen überraschend angekündigt, auf den CDU-Vorsitz und eine Kanzlerkandidatur verzichten zu wollen. Grund sei der Streit um den Umgang mit AfD und der Linken in ihrer Partei. Einen Termin für ihren Rücktritt als CDU-Chefin nannte Kramp-Karrenbauer nicht. Sie werde auf absehbare Zeit Parteivorsitzende bleiben.
  • Sie wolle zunächst die Kür eines Kanzlerkandidaten der Union steuern und empfehle, dem Kandidaten dann auch den Parteivorsitz zu übergeben.
  • Nach der Vorstandssitzung der Partei sagte sie, die offene Frage der Kanzlerkandidatur schwäche die CDU. Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz gehörten in eine Hand – nach der nächsten Bundestagswahl.
  • Die große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel soll nach der Vorstellung von Kramp-Karrenbauer bis zum Ende der Legislaturperiode im Herbst 2021 weiterregieren.
  • Der FDP-Politiker Thomas Kemmerich war vergangenen Mittwoch im Landtag in Erfurt mit Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Kemmerich war dafür anschließend kritisiert worden. Er trat am Samstag zurück,  nach erheblichem Druck aus den Regierungsparteien.
  • Linke und Grüne in Thüringen drängen die CDU, sich bei einer neuen Abstimmung nicht nur zu enthalten, sondern zumindest teilweise für Ramelow zu stimmen, um eine Mehrheit ohne AfD zu sichern. 
  • Wie das Verfahren nach der gescheiterten Ministerpräsidentenwahl abläuft und welche Optionen es gibt, lesen Sie hier. Zudem können Sie alle Artikel auf unserer Themenseite nachlesen.
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Katharina Schuler
In Berlin geht ein aufregender Tag zu Ende. Am Morgen hatte Annegret Kramp-Karrenbauer überraschend in den Führungsgremien der CDU ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur erklärt - und auch ihren Rückzug vom Amt der Parteichefin angekündigt. Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz gehörten in eine Hand, so die Parteichefin. Deswegen wolle sie das Amt nur noch so lange ausüben, bis die Frage der Kanzlerkandidatur geklärt sei.

Ihre Partei hat Kramp-Karrenbauer damit in eine tiefe Führungskrise gestürzt. Noch ist offen, wer sich um ihre Nachfolge bewerben wird. Unklar ist aber auch, ob Angela Merkel den Rückzug ihrer Vertrauten politisch überstehen wird. Schließlich nannte Kramp-Karrenbauer als einen Grund für die schwierige Lage der Partei die Tatsache, dass Kanzleramt und Parteivorsitz nicht in einer Hand gelegen hätten. Zudem wuchs im Laufe des Tages der Druck auf Kramp-Karrenbauer, die Nachfolge schnell - und nicht erst bis zum Jahresende - zu regeln.

Sicher ist, dieser Tag ist ein Wendepunkt in der CDU-Geschichte, offen ist allerdings in welche Richtung die Entwicklung weitergehen wird.

Wir beenden hier dieses Liveblog.
Katharina Schuler
Käme es in Thüringen jetzt zu Neuwahlen, würde davon vor allem die Linke profitieren. Die Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow kommt bei einer Blitzumfrage von Infratest dimap auf 39 Prozent, wie MDR Thüringen als Auftraggeber der Umfrage am Montagabend mitteilte. Das sind acht Prozentpunkte mehr als bei der Landtagswahl im Oktober. Mit SPD (10 Prozent) und Grünen (5 Prozent) käme das ehemalige rot-rot-grüne Regierungsbündnis demnach auf eine Mehrheit.

Großer Verlierer wäre die CDU - sie stürzt den Angaben zufolge auf 13 Prozent ab. Bei der Wahl im Oktober erreichten die Konservativen im Freistaat noch 21,7 Prozent. Die FDP, die im Oktober nur knapp die Fünf-Prozent-Hürde genommen hatte, würde mit vier Prozent den Einzug in den Landtag verpassen. Die AfD würde sich hingegen leicht von 23,4 auf 24 Prozent verbessern.
Katharina Schuler
Die Junge Union Thüringen (JU) fordert einen Sonderparteitag der CDU im Land gefordert - mit einer Neuwahl des Landesvorstandes. Um neues Vertrauen zu gewinnen, sei es notwendig, auch über Personalfragen zu sprechen, heißt es in einem Offenen Brief des JU-Landesvorstandes, der am Montagabend auf Facebook veröffentlicht wurde. "Für einen Neuanfang braucht es auch neue Gesichter.»

Die JU sprach von einer Welle von Parteiaustritten. Dies sei zutiefst beunruhigend. "Nur mit einer inhaltlichen und personellen Aufarbeitung kann die CDU Thüringen verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen", hieß es. Die von Landeschef Mike Mohring vorgeschlagene Basiskonferenz sei richtig, reiche aber nicht aus.
Katharina Schuler
Kramp-Karrenbauers Zeitplan, wonach über Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz erst auf dem nächsten regulären Parteitag im Dezember entschieden werden soll, gerät immer stärker in die Kritik.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) betonte im ZDF-Heute Journal, es könne diesmal keinen monatelangen Prozess mit Regionalkonferenzen geben. Die Entscheidung müsse in "absehbarer Zeit" getroffen werden. Er könne sich auch keine Kampfkandidaturen vorstellen. Stattdessen brauche man eine gemeinsame Entscheidung.

Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprach sich in der ARD dafür aus, dass nun schnell Klarheit geschaffen werden müsse. Das könne nicht bis zum Jahresende dauern.
Katharina Schuler
Auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) geht davon aus, dass die große Koalition hält. "Die große Koalition wird ihre Arbeit machen, dazu sind wir verpflichtet", sagte er in der ARD. Es habe auch zuvor schon Parteivorsitzendenwechsel während einer Legislaturperiode gegeben, das müsse einen nicht von der Arbeit abhalten.

Ein bisschen scheint man sich bei der SPD auch darüber zu freuen, mal selbst nicht im Zentrum einer großkoalitionären Krise zu stehen. "Die CDU hat jetzt viel zu diskutieren und wird sich nun mit sich selbst beschäftigen müssen", sagte Scholz. Die SPD habe sich dagegen "zurechtgerüttelt" und werde für Stabilität in dieser Koalition sorgen.
Katharina Schuler
In der ARD betonte Kramp-Karrenbauer, es habe in den CDU-Gremien eine "ganz einhellige Verurteilung des Verhaltens der Kolleginnen und Kollegen in Thüringen" gegeben. Zwar gebe es einzelne Stimmen, etwa aus der WerteUnion, die das Thema einer Zusammenarbeit mit der AfD ansprächen, aber für den überwiegenden Teil der CDU gelte: "Es wird nicht nach rechts gewackelt, nicht zusammengearbeitet, nicht direkt und nicht indirekt."

Sie werde den Rest ihrer Amtszeit nutzen, "um die programmatischen Fragestellungen, die es zu klären gibt in der CDU, mit Blick auch auf das Wahlprogramm, auf das Grundsatzprogramm, aber eben auch die personellen Dinge, ohne Rücksicht jetzt auf die eigene Person, und das ist sehr befreiend, nach vorn" zu treiben. Ihre Position in der Partei sehe sie durch ihre heutige Entscheidung sogar gestärkt.
Katharina Schuler
Nach dem Willen von Kramp-Karrenbauer soll die Entscheidung über einen neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten erst im Dezember fallen. An diesem Zeitplan gibt es aber bereits Kritik. Niedersachsens CDU-Chef Bernd Althusmann warb im Gespräch mit dem Weser-Kurier für eine möglichst baldige  Entscheidung. "Wir sollten wohlüberlegt und besonnen, aber in absehbarer Zeit den Prozess zum Finden einer geeigneten Persönlichkeit vorantreiben", sagte Althusmann. Monatelanges Zögern berge die Gefahr einer Zerreißprobe. "Ich plädiere für mehr Zeitnähe, ohne es allerdings zu überstürzen", sagte Althusmann.
Katharina Schuler
Am Abend bekräftigte Annegret Kramp-Karrenbauer im ZDF, dass es für diese Legislaturperiode bei der Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz bleiben werde, auch wenn dies  keine einfache Situation und für die CDU auch ungewohnt sei.  Im Übrigen stehe die Union zur großen Koalition und wolle diese bis 2021 fortsetzen.

Kramp-Karrenbauer machte erneut deutlich, dass die ungeklärte Führungsfrage – also die Frage, wer die Union bei der nächsten Bundestagswahl als Kanzlerkandidat oder Kanzlerkandidatin anführen solle – die Partei belastet habe. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, das zu klären", sagte Kramp-Karrenbauer. Indem sie klargemacht habe, nicht selbst antreten zu wollen, habe sie mehr Freiheit gewonnen, diesen Prozess jetzt zu organisieren. Darüber, ob sie selbst antreten solle oder nicht, habe sie sich seit "geraumer Zeit" Gedanken gemacht.

Was die Situation in Thüringen angeht, betonte Kramp-Karrenbauer, dass die CDU bereit sei, bei einer Reihe von Landesprojekten für Mehrheiten zu sorgen. Sie werde aber keinen Ministerpräsidenten der Linken mitwählen. Wenn AfD oder Linkspartei einen Kandidaten aufstellten, werde die CDU sich enthalten. Es sei nun an der dortigen abgewählten rot-rot-grünen Regierung zu prüfen, ob ein dritter Kandidat für eine Übergangszeit eine Möglichkeit sei. Damit unterstütze Kramp-Karrenbauer einen Vorschlag von FDP-Chef Christian Lindner, der sich ebenfalls für einen unabhängigen Übergangsministerpräsidenten ausgesprochen hatte.
Karin Geil
Zu den Ereignissen heute gibt es bereits eine erste Umfrage. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte im Auftrag der Sendergruppe RTL/ntv 1.012 Menschen zum Rückzug von Kramp-Karrenbauer und zu einem möglichen Nachfolger.

Das Ergebnis: 27 Prozent votierten für Friedrich Merz, 18 Prozent für NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, elf Prozent für CSU-Chef Markus Söder und acht Prozent für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Allerdings sind 36 Prozent der Befragten der Meinung, dass keiner der vier geeignet wäre. Auch 23 Prozent der CDU-Anhänger hielten keinen aus dem Quartett für "kanzlertauglich".
Die drei aussichtsreichsten Kandidaten: Armin Laschet, Jens Spahn und Friedrich Merz (von links nach rechts)
Die drei aussichtsreichsten Kandidaten: Armin Laschet, Jens Spahn und Friedrich Merz (von links nach rechts)   Bild: Sean Gallup/​Getty Images (2), Kay Nietfeld/​dpa
Eine große Mehrheit findet demnach den Rückzug der CDU-Chefin gut. Laut Forsa befürworten 77 Prozent der Befragten – und 77 Prozent der Unionsanhänger – den Vorstoß von Kramp-Karrenbauer.
Karin Geil
Die CSU beurteilt die Lage bei der Schwesterpartei als "sehr ernst". Die Deutsche Presse-Agentur zitiert Teilnehmende einer Telefonkonferenz des CSU-Präsidiums, die von der CDU nun vor allem eins erwarteten: Stabilität. Dies sei der "entscheidende Maßstab", hieß es demnach, sowohl was den Zeitplan als auch was die Art und Weise der Kandidatensuche angehe.
Bild: Peter Kneffel/dpa
Über mögliche Kanzlerkandidaten wurde in der Telefonschalte dem Vernehmen nach nicht gesprochen.

CSU-Chef Markus Söder bekräftigte derweil in einem Interview noch einmal, in Bayern bleiben zu wollen. "In Bayern ist mein Standort und mein Anker, ich bin bei den bayerischen Wählerinnen und Wählern im Wort", sagte er dem Bayerischen Fernsehen. Er sei der "festen Überzeugung, es wird sich jemand finden in der CDU, der unbedingt will".
Der bayerische Ministerpräsident sieht die CDU vor "einer ganz zentralen wichtigen Entscheidung, einer strategischen Entscheidung, nicht nur einer personellen: Findet sie die Kraft, noch einmal sich zu erneuern?". Die Suche nach einem Kanzlerkandidaten dürfe nicht zu einem "Schönheitswettbewerb" werden, warnte Söder und pochte zugleich auf ein Mitspracherecht der CSU bei der Kür des Kandidaten.
Söder betonte, die ganze Sache sei ernst: "Das ist jetzt alles keine 'Spielchensache': Es geht um die Zukunft der CDU, es geht um die Stabilität von Volksparteien und auch um die Stabilität der Bundesregierung."