Der Wahl-Eklat in Thüringen hat nun bundespolitische Folgen: Annegret Kramp-Karrenbauer gibt den Vorsitz der CDU auf, auch Kanzlerkandidatin der Union will sie nicht werden. Sie begründet die Entscheidung mit dem Richtungsstreit in der Partei über den Umgang mit der AfD und der Linkspartei – zu beiden hat die Bundes-CDU eine Abgrenzung beschlossen. Wer könnte Kramp-Karrenbauer als Parteichefin und damit wahrscheinlich auch als Kanzlerkandidat folgen?

Armin Laschet

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gilt in der Union schon länger als möglicher Kanzlerkandidat. Dafür hat sich Laschet in den vergangenen Monaten vorbereitet, etwa mit beständiger Kritik an Kramp-Karrenbauer. Offen erklärte er seinen Anspruch aber nie. Die K-Frage werde in der Zukunft geklärt werden, antwortete er bisher auf entsprechende Fragen. Dafür kämen viele Namen in Frage. 

Für Laschet spricht aber einiges: Er steht dem CDU-Landesverband von Nordrhein-Westfalen vor, der mitgliederstark und dadurch einflussreich in der Partei ist. Wer in der CDU etwas erreichen will, kommt an NRW nicht vorbei. Hinzu kommt, dass Laschets Landesregierung trotz einer äußerst knappen Mehrheit von nur einer Stimme für die schwarz-gelbe Regierungskoalition relativ effizient und problemfrei arbeitet.

Armin Laschet © Sean Gallup/​Getty Images

Ein Pluspunkt könnte auch seine inhaltliche Positionierung sein. Laschet hat sich in der Vergangenheit häufiger von Kramp-Karrenbauer distanziert, er zählt damit nicht zu ihrer Einflusssphäre innerhalb der CDU. Diese moderate Distanz könnte sich für ihn auszahlen: Laschet kann von sich behaupten, ein Kandidat jenes gern als Mitte bezeichneten Teils der Partei zu sein, der einen Neuanfang bewirken könnte und damit auch neue Wählerinnen und Wähler ansprechen dürfte.

Dieser Vorteil ist für einige in der Partei aber ein Nachteil: Manchen in der CDU ist er einfach zu links. Als bundesweit erster Integrationsminister vertrat er unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers beispielsweise eine einwanderungsfreundliche Linie. Gerade die Landesverbände im Osten dürften daher mit Laschet ein Problem haben – entschieden würde seine Nominierung jedoch in den mitgliederstarken westdeutschen Landesverbänden.

Die Voraussetzungen sind für Laschet insgesamt recht gut. Dass er seinen Anspruch geltend macht, könnte am Ende auch einen profanen Grund haben: Laschet ist 58 Jahre alt. Wenn er in der Politik nach weiteren Posten strebt, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.

Friedrich Merz

Eine Kanzlerkandidatur von Friedrich Merz ist der Traum der rechtskonservativen Teile innerhalb der CDU. Er hat sich bislang immer loyal gegenüber Kramp-Karrenbauer gegeben, der er bei der Abstimmung um den Parteivorsitze 2018 knapp unterlegen war.

Merz steht für die alte CDU, für eine stark konservative Linie. Unter ihm würde die tendenziell progressivere Ausrichtung der CDU vermutlich rückgängig gemacht. Vielfach ließ Merz bereits erkennen, dass er den politischen Kurs von Angela Merkel nicht uneingeschränkt teilt. Damit entspricht er einer Strömung an der Basis der Partei, zumal in Ostdeutschland. Hier könnte Merz integrativ wirken.

Friedrich Merz © Sean Gallup/​Getty Images

Diese Positionierung ist zugleich aber auch seine Schwäche. Unter AfD-Wählern ist Merz laut Umfragen äußerst beliebt. Der AfD ginge durch einen Parteichef oder gar Kanzler Merz ein zentrales Feindbild verloren. Als Kanzlerkandidat würde Merz aber auch jenes Wählerpotential verschrecken, das die CDU sich in der Ära Merkel in der Mitte und links davon erschlossen hat. Und kann sich die Partei nach dem Eklat von Erfurt wirklich erlauben, jetzt einen rechtskonservativen Parteichef und Kanzleranwärter aufzustellen?

Sollte Merz seinen Anspruch erklären, werden sich die progressiven Kräfte in der CDU gemeinsam gegen ihn stellen. Entsprechend defensiv gab er sich in einer ersten Reaktion. "In so einer Situation ist kluges Nachdenken wichtiger, als schnell zu reden", sagte er.

Jens Spahn

Zu jung, zu ruppig, keine Hausmacht: Es gab gute Argumente, die bei der Wahl des CDU-Vorsitzenden auf dem Parteitag Ende 2018, die gegen Jens Spahn sprachen. Damals hatte sich der Gesundheitsminister als stark Konservativer positioniert, der gerne und häufig Kontroversen auslöst. Am Ende unterlag Spahn in der Abstimmung gegen Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz deutlich – nur 15 Prozent der Delegierten wollten ihn als Parteichef.

Aus dieser Niederlage hat Spahn seine Schlüsse gezogen. In der Folge konzentrierte er sich auf seine Arbeit als Gesundheitsminister und reduzierte die Zahl der streitbaren Vorstöße. Damit ist er erfolgreich: Spahn hält seine politischen Themen, etwa die Pflege, öffentlichkeitswirksam im Gespräch. Er bringt viele Gesetzesentwürfe auf den Weg und gilt als kompetent. Mit Kritik an Merkel und Kramp-Karrenbauer hat er sich zurückgehalten, was den progressiven Flügel der Partei milde stimmen dürfte.  

Jens Spahn © Kay Nietfeld/​dpa

Der Konservative mit der sozialen Seele: In dieser Kombination könnte die Stärke von Spahn liegen. Das könnte ihm im besonders konservativen Teil der CDU nützen, etwa bei den Landesverbänden im Osten Deutschlands. 

Seine Ausgangssituation ist also besser als 2019. Einen Nachteil hat Spahn vorerst noch: Anders als Laschet verfügt er nicht über eine starke Basis in der Partei und er kommt wie Laschet aus NRW. Seine Gefolgschaft müsste er noch ausbauen. Er ist mit 39 Jahren vergleichsweise jung, was sich gegenüber dem gestandenen Laschet als Nachteil erweisen könnte, aber zugleich könnte es der CDU nützen: Ein Parteichef Spahn könnte für einen dynamischen Neuanfang stehen.

Markus Söder

Warum nicht mal wieder ein Kanzlerkandidat aus der CSU? Abwegig ist dieser Gedanke nicht. Schließlich hat sich der Chef der CSU in Bayern mittlerweile als Nachfolger von Horst Seehofer gut etabliert. Sollte er kandidieren, würde er Franz Josef Strauß (1980) und Edmund Stoiber (2002) nachfolgen, die als CSU-Politiker für die Union in den Bundestagswahlkampf zogen. 

Nach der für die CSU desaströsen bayerischen Landtagswahl verstärkte Söder die Abgrenzung nach rechtsaußen. Entsprechend deutliche Worte fand er zur Wahl von Thomas Kemmerich in Thüringen, der durch die Stimmen der AfD-Fraktion ins Amt gekommen war. In Bayern trifft Söder mittlerweile auch Entscheidungen, die nicht jede Konservative in seiner Partei mitträgt. Für den Artenschutz setzt er sich etwa ein und im Bund für einen sozialen Kompromiss bei der Grundrente.

Markus Söder © Kay Nietfeld/​dpa

Moderner Konservatismus statt bayerischem Hardlinertum: Das könnte theoretisch funktionieren. CSU-Kandidaten sind bei einer Bundestagswahl jedoch immer schwer zu vermitteln. Zu sehr steht die Partei für bayerische Klientelpolitik. Progressivere Wählerinnen und Wähler dürften sich zudem fragen, wie nachhaltig Söders neue Haltung ist.

Entscheidend aber dürfte sein, dass die CDU der bayerischen Schwester wahrscheinlich nicht so einfach das Feld überlassen wird. Warum Söder wagen, wenn man Laschet oder Spahn hat?

CDU - Annegret Kramp-Karrenbauer tritt zurück Die CDU-Parteivorsitzende hatte am Montag ihren Rückzug von der Parteispitze angekündigt. In Teilen der WerteUnion gäbe es keine klare Abgrenzung zur AfD. © Foto: Reuters TV

Weitere Überraschungskandidaten?

Vieles spricht dafür, dass es auf einen der genannten Kandidaten hinausläuft. Am Ende könnte es aber auch eine überraschende Lösung geben. Peter Altmaier? Der Wirtschaftsminister war mal ein Star der CDU, hat sich in seiner neuen Rolle derzeit aber verzettelt. Julia Klöckner? Hat als Landwirtschaftsministerin viele Sympathien verspielt. Wolfgang Schäuble? Der erfahrene ehemalige Bundesminister und heutige Bundestagspräsident hätte natürlich das Standing, dürfte sich die Strapazen aber nicht mehr antun wollen. Volker Bouffier? Er dürfte aus Altersgründen ebenfalls nicht interessiert sein. Paul Ziemiak? Gilt in der Union als schwach.

Wir möchten gerne von Wählerinnen und -Wählern sowie Mitgliedern der CDU und CSU wissen: Wie bewerten Sie, dass Annegret Kramp-Karrenbauer nicht mehr Kanzlerkandidatin werden möchte und auch die Parteiführung abgeben will? Nehmen Sie an der folgenden Umfrage teil: