Alle aktuellen Entwicklungen zu Thüringen lesen Sie hier in unserem Liveblog.

Das Versagen der CDU wird eines Tages zurückdatiert werden auf genau diesen Moment, Mittwoch, der 5. Februar 2020, kurz nach 13 Uhr mittags in Erfurt. Der vorläufige Tiefpunkt der Volkspartei wird bebildert werden mit dem höhnischen Grinsen, dem Lachen und dem Jubel des Faschisten Björn Höcke, eine pommadierte Locke keck auf der Stirn. Mit einer simplen parlamentarischen Finte hat Höcke all das, was die CDU seit Jahren als Bollwerk gegen rechts aufgeschüttet hat, zerstört.

Die Parteichefin und ihr Generalsekretär haben genau gemerkt, was da passiert ist. Annegret Kramp-Karrenbauer will sogar vorab davor gewarnt haben. Es dauerte dann ein paar Stunden, bis die beiden sich nach der Wahl geschüttelt hatten und sprechfähig waren. Aber ihre Reaktion war konsequent und einhellig: Das war falsch. Thüringen braucht Neuwahlen. "Das Verhalten der CDU im dritten Wahlgang geschah ausdrücklich gegen die Empfehlungen, Forderungen und Bitten der Bundespartei, das will ich noch mal ganz klar stellen", sagte Kramp-Karrenbauer.

Berlin - Hunderte demonstrieren gegen FDP In Thüringen ist der Ministerpräsident nur mit Hilfe der rechtspopulistischen AfD ins Amt gewählt worden. In Berlin haben Hunderte vor der Parteizentrale demonstriert. © Foto: Carsten Koall/dpa

Die Landesverbände der Parteien haben viel Autonomie. Und trotzdem: Dass Kramp-Karrenbauers Macht und Paul Ziemiaks Autorität offenbar nicht bis nach Erfurt reichen, um solche Entscheidungen zu unterbinden, ist eine Zerfallserscheinung, ein Ermüdungsbruch. Denn die Thüringer CDU scheint gar nicht unzufrieden mit ihrer Entscheidung, gemeinsam mit der AfD einen FDP-Ministerpräsidenten gewählt zu haben. 

Schleichend, zum Ende der Ära von Bundeskanzlerin Angela Merkel, werden die Brüche innerhalb der Partei, zwischen oben und unten, zwischen links und rechts und ja, zwischen Ost und West, unüberbrückbar. Weder Macht noch Merkel – Programmpartei war sie ja ohnehin nie –, da ist nicht mehr viel, was die CDU zusammenhalten könnte. Der Pragmatismus, der sie groß gemacht hat, ist in Thüringen erstmals in Opportunismus umgeschlagen.

Mike Mohring, der Landeschef, der auch im Präsidium der Bundespartei sitzt und sich zuletzt zu so was wie der Stimme der Ostdeutschen in der Partei aufgeschwungen hatte, gilt als schwer steuerbar. Als einer, der sich nicht gern beraten – oder reinreden – lässt. Jetzt führt er den Aufstand gegen das Adenauer-Haus.

Warum sollte der Damm in Magdeburg halten?

Monatelang war verhandelt, gefeilscht, gedealt und gerungen worden: Zwischen Bundesspitze und Landesverband. Zwischen CDU-Thüringen, Linken, Grünen, SPD, FDP. Alt-Ministerpräsident Dieter Althaus schaltete sich ein. Selbst der notorische Kommunistenfresser, Altbundespräsident Joachim Gauck, fuhr nach Thüringen und versuchte zu vermitteln. Alles mit einem Ziel: dass genau das nicht geschieht, was jetzt eingetreten ist. Dass die CDU nicht das Spiel der AfD betreibt. Alles vergeblich.

Eine Minderheitsregierung des Linken Bodo Ramelow tolerieren? So weit wollte die Bundes-CDU nicht gehen. Hätte die CDU-Landtagsfraktion beim ein oder anderen Anliegen konstruktiv mitgearbeitet, hätte man aus Berlin bestimmt nichts gesagt. Anders beim Thema AfD. Da sollte es kein Zucken geben, so hatte es das Konrad-Adenauer-Haus unmissverständlich deutlich gemacht.

Thüringen - Schock bei der Linken, Freude bei der AfD In Thüringen ist überraschend Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Das Video zeigt Ausschnitte aus dem Landtag zur Verkündung des Wahlergebnisses.

Die Brüche in der CDU werden unüberbrückbar

Hat Mohring das nicht gehört – oder wollte er nicht? Er war es doch eigentlich, der sich einerseits im Landtagswahlkampf, in Hintergrundgesprächen mit Journalisten klar artikulieren konnte, er habe mit der AfD nichts zu schaffen. Und er war es gleichzeitig auch, der seinen Vizefraktionschef mehr oder weniger ungestört über Bündnisse mit der AfD hat sinnieren lassen.

Bald dürfte in Thüringen neu gewählt werden. Kommendes Jahr steht eine Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern an, wo die AfD schon vor vier Jahren an der CDU vorbeigezogen war. Dann wählt Sachsen-Anhalt, wo die Christdemokraten unglücklich mit Grünen und SPD regieren – und schon heute mancher schon von Schwarz-Blau träumt. Ob der Damm, der in Erfurt eingerissen wurde, dann wieder hält? Man darf das bezweifeln.

Das hat die CDU, der Deutschland D-Mark, Westbindung, Wiedervereinigung und den Euro, Adenauer, Kohl und Merkel verdankt, wirklich nicht verdient. Doch sie hat es selbst geschehen lassen. Björn Höcke und die AfD haben die CDU vorgeführt, weil sie sich hat düpieren lassen. Die CDU hat aufgegeben. Und sie hat eines ihrer letzten Wahlargumente verzockt: dass sie, komme was wolle, eine Volkspartei der Mitte sei. CDU wählen und Höcke bekommen? Da werden auch die Wohlmeinenden am nächsten Wahltag die Flucht ergreifen – und zwar nicht nur in Thüringen.