Weil die CDU eine Partei ist, die zur Macht ein sehr leidenschaftliches Verhältnis hat und weil die Machtoptionen für diese Partei nach Lage der Dinge in Zukunft sehr überschaubar sein dürften, gibt es für den neuen CDU-Vorsitzenden ein nicht ganz unwesentliches Kriterium: Er muss mit den Grünen koalieren können.

Unter den derzeit im Halbdunkeln operierenden Vielleicht-Vorsitzenden der CDU schien das eigentlich ein nicht zu unterschätzender Vorteil für den Mann zu sein, der sich noch am bedecktesten hält: Armin Laschet.

Der NRW-Ministerpräsident gehörte schon in den Neunzigerjahren den ersten schwarz-grünen Zirkeln an, er ist ein Liberaler und ein nur bedingt breitbeiniger Mann, was ihm in der testosterongeimpften NRW-CDU früher einmal den Ruf eintrug, zu weich zu sein für höhere Ämter. Doch für die Grünen schien er lange Zeit wie ein idealer Partner. Ein bisschen wie Merkel, nur in leutselig und rheinisch.

Doch wenn man in den Tagen nach dem Überraschungsrücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer mit Grünen über die Lage der Union spricht, scheint es rasch, als seien die Dinge doch nicht so eindeutig, wie sie von außen manchmal scheinen.

Enttäuschung über Kramp-Karrenbauer

Das hat, erstens, mit den Erfahrungen der Grünen mit der letzten Vorsitzenden zu tun, die schließlich ebenfalls als Kandidatin des liberalen Flügels an die Spitze kam. Von Kramp-Karrenbauer waren viele Grüne allerdings bereits enttäuscht, als sie erst wenige Wochen im Amt war. Sie hatten (wie man heute weiß: nicht ganz zu Unrecht) von Beginn an das Gefühl, die CDU-Vorsitzende müsse sich in ihrer Partei vor allem nach rechts absichern, was ihren Spielraum in Richtung Grüne deutlich verkleinerte und zu diversen halbinszenierten Wutausbrüchen gegen Veganer, Schnitzelverbieter und so weiter führte. Bei den Grünen hat man daher die dunkle Vorahnung, dass Laschet vor ähnlichen Problemen stünde und als Parteivorsitzender vor allen Dingen damit beschäftigt wäre, Rauchzeichen an die Parteirechten zu senden. Womöglich könnte er nie so schwarz-grün sein, wie er selbst dachte, dass er eigentlich mal war.

Zweitens kommt hinzu, dass sich Laschet zuletzt durch zwei Kleinigkeiten bei führenden Grünen nicht sonderlich beliebt gemacht hat. In einer WDR-Dokumentation zum vierzigsten Jahrestag der Grünen schloss er sich den salbungsvollen Worten der anderen Laudatoren nicht an, sondern spöttelte stattdessen über die Antikriegspartei, die, sobald sie regierte, sofort "Belgrad bombardiert hat" und deren Markenkern auch heute vor allem die Doppelmoral sei. Unter führenden Grünen wurde das aufmerksam registriert, was auch daran liegen mag, dass nach den Geburtstagsfeierlichkeiten noch die Steinmeier-Rede in den Ohren klang, nach der man durchaus das Gefühl haben konnte, der Bundespräsident würde umgehend einen Mitgliedsantrag ausfüllen, wäre er nicht zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet.

Hinzu kam ein zweiter Laschet-Spott vor wenigen Tagen bei einer Karnevalsrede (schwieriges Genre, das weiß man ja nun). In der Bütt sprach er einige gewundene Sätze über die ehemalige Weinkönigin Julia Klöckner, in denen er den Grünenvorsitzenden Robert Habeck im Nebensatz als "Reblaus" bezeichnete. Auch das sorgte in Grünen-Kreisen für Befremden, weil man sich dort auch dann ungern als Parasit bezeichnen lässt, wenn der Redner eine Narrenkappe auf dem Kopf trägt.

Kein Verdacht der Grünen-Freundschaft

Die beiden Kleinigkeiten verstärken unter den Grünen die größere Vorahnung: In der real existierenden CDU ist es womöglich hilfreicher, nicht im Verdacht der Grünen-Freundschaft zu stehen, wenn man in absehbarer Zeit mit den Grünen koalieren will. Dies wiederum ist eine Überlegung, die rasch zu Friedrich Merz führt.

Habituell, ästhetisch und weltanschaulich verkörpert er die maximale Distanz zu den Grünen, doch könnte gerade diese Mischung aus Konservatismus und Machtinstinkt die Dinge ermöglichen, die für eine regierungswillige CDU eigentlich unvermeidlich sind. Ein Kandidat, der als Parteirechter gewählt wird, müsste sich nach den Gesetzen der Parteimechanik nicht permanent um symbolische Reparationszahlungen an die WerteUnionisten und Ostlandesverbände bemühen. Er könnte freier auftreten und verhandeln. Und wer die Parteirechten unter Kontrolle hat, bei dem besteht nicht das Risiko, dass jede Absprache binnen kurzer Zeit wertlos ist, weil sich die Stimmung in den rechten Teilen der Union bereits wieder gegen die eigene Führung richtet. So weit jedenfalls eine merzfreundliche Interpretation.

Über die Grünen sagte man früher, nur der Parteilinke Jürgen Trittin könne Schwarz-Grün durchsetzen. Heute hat diese machtpolitische Zauberformel für die grüne Post-Lager-Partei ihre Gültigkeit verloren. Für eine Union, die derart zerrissen, führungsunwillig und selbstzweifelnd ist, wie die Grünen einmal waren, könnte sie allerdings umgekehrt gelten.